In einem schwarzen Fotoalbum mit ’nem silbernen Knopf.
Bewahr ich alle diese Bilder im Kopf.
Ich weiß noch damals, als ich jung und wild war im Block.
Ich bewahr mir diese Bilder im Kopf.
Sido. War das nicht dieser Typ mit dem Arschficksong? Dieser Typ mit der Maske, der den Weihnachtsmann kalt machen wollte? War das nicht früher mal dieser Typ, den wir beim Radio mit unserem „best(getestet)en Mix“ nie, aber auch wirklich nie gespielt hätten, aus Angst unsere Hörer könnten vorzeitig ableben?
Verrückte Welt: Plötzlich läuft Sido auch „in Ihrem Lokalradio“ und alle nicken sie mit. Es gibt nur zwei Erklärungen für dieses Wunder:
Rap/Hip-Hop ist gesellschaftsfähig geworden.
Sido ist gesellschaftfähig ein langweiliger Spießer geworden.
Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Fakt ist: Sido, 32 und mit bürgerlichem Namen Paul Hartmut Würdig geheißen, ist mittlerweile verheiratet und hat ein Kind. Und immer nur den postpubertären Großstadtrüpel zu geben wird ja auf Dauer auch irgendwie langweilig.
Seltsamer Weise sind mir aus meinem Nebenfachstudium der Germanistik ( = Bücher lesen und drüber quatschen) ein paar Sätze im Gedächtnis geblieben. Sie stammen von Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, der ähnlich wie Sido einen etwas kürzeren Künstlernamen bevorzugte: Novalis. Die Sätze gehen – frei kombiniert – jedenfalls so:
Vielleicht lieben wir alle in gewissen Jahren Revolutionen […] Aber diese Jahre gehen bei den meisten vorüber.
Mit der Verheiratung ändert sich das System. Der Verheiratete verlangt Ordnung, Sicherheit und Ruhe […] Er sucht eine echte Monarchie.
Spießig: Feste Freundin.
Da ist Oppa Sido nicht weit, wie er mit seiner verblichenen Maske in einer Wohneinrichtung für Senioren sitzt, lauwarme Jacobs Krönung durch die Dritten zieht, seine Stützstrümpfe zurechtrückt und sentimental durch sein Fotoalbum mit ’nem silbernen Knopf blättert: „Früher war alles besser, Kinder. Wir hatten ja nix!“
Ernsthaft: Sidos Bilder im Kopf (konserviert und archiviert, paraphiert und nummeriert) sind analog! Obwohl Sidos Album einen kecken Hashtag im Titel führt, ist es als Best-Of doch eine Retroperspektive. Heißt: Oppa erzählt vom Krieg.
Und auch ich find’s geil! Ja, wirklich: Mir gefällt der neue Sido. Musikalisch wie inhaltlich. Da zieht jemand Zwischenbilanz und ist im Großen und Ganzen zufrieden mit sich.
Auch ich bekenne mich öffentlich zum Spießertum! Ich lebe in einer festen Beziehung, koche gerne, mag Gesellschaftsspiele und fühle mich mittlerweile auf WG-Feten deutlich wohler als in Discos/Clubs.
Ernsthaft: Hab nie verstanden, warum ausgerechnet die Disco ein Ort sein soll, an den man Menschen kennen lernen kann…
Danke Sido, dass ausgerechnet Du jetzt der Botschafter für Werte und Spießigkeit bist! Der Airplay-Einsatz im so genannten „Dudelfunk“ erhebt Dich auf eine Stufe mit Reihenhaus, Volvo und Schrebergarten und zeigt auch, dass die Zeit vorbei ist, in der man mit Rap noch provozieren konnte. Gangsta-Rap ist tot, die Fans von einst ziehen ihre Hosen hoch und gründen Familien (in diesem Falle ziehen sie die Hosen wohl noch mal kurz runter) oder erleben schon die erste Scheidung.
Ich erkenne mich in Dir wieder Sido – und find’s gar nicht mal schlimm.
Vier Monate war ich ohne Smartphone. Vier Monate, in denen sich mein Alltag entschleunigt hat. Irgendwann im Oktober war mein Androide kaputt gegangen. Kalter Entzug von heute auf morgen. Kein schnelles Nachgucken einer Route bei google maps mehr, kein eiliges Checken des facebook-Status‘ oder des Maileingangs, keine Bilder meiner Nahrung mehr auf instagram, keine kurze Überprüfung belangloser Dinge bei google oder wikipedia. Und: Kein Dauergebimmel in der Hosentasche mehr. Ich muss gestehen: Auf all das zu verzichten, was für mich in den Wochen, Monaten, Jahren zuvor gewohnt und vertraut war – das fiel mir anfangs richtig schwer. Die Funktionen meines Telefons waren plötzlich auf die Grundidee der mobilen Kommunikation reduziert: Anrufen und angerufen werden. Vielleicht hin und wieder eine SMS. Internetfähigkeit besaß mein Ersatzhandy zwar prinzipiell – das Aufrufen von Webseiten und Beschaffen von Informationen geriet mit diesem alten Knochen aber eher zu einer Tortur.
Anfangs riss ich meiner Freundin unterwegs noch oft das iPhone aus der Hand und loggte mich schnell bei facebook ein, um bloß nichts zu verpassen. Beim gemeinsamen Bier mit Freunden beargwöhnte ich diese neidisch, wenn sie auf ihre Displays starrten. Obwohl ja eigentlich sie es waren, die sich da grade aus der realen Interaktion ausgeloggt hatten, kam ich mir ausgeschlossen vor. Aber nach und nach ließ die Wirkung der Droge Smartphone bei mir nach. Ich entdeckte wie angenehm es war, aus freien Stücken selbst zu entscheiden, wann ich meine Emails lesen wollte. Nicht das Vibrieren in meiner Hosentasche bestimmte den Zeitpunkt des Informationsabrufs, sondern: ICH! Eine verblüffende Erkenntnis. So musste es unseren primitiven Vorfahren im Jahr 2006 ergangen sein!
Einfach mal abschalten.
Versteht mich nicht falsch: Ich finde Smartphones super, bin ein großer Fan dieser Wundertüte mobiler Möglichkeiten. Deshalb habe ich mir nun auch wieder einen neuen Androiden gekauft. Trotzdem sollten wir uns die Souveränität über unseren Alltagsablauf nicht von den Smartphones aus der Hand nehmen lassen! Als ich mein neues Telefon nach vier Monaten ohne Phantomvibration in der Hosentasche schließlich mit meinem google-Account verknüpft, mich in die facebook-App eingeloggt und WhatsApp installiert hatte, fühlte ich mich wie ein Rentner im Computerkurs: Totale Reizüberflutung! Ständig bimmelte und vibrierte meine Neuanschaffung, ständig blinkte irgendeine Benachrichtigung im mir plötzlich dadurch noch riesiger erscheinenden Display auf. Alleine die digitalen Beglückwünschungen zu meinem Geburtstag – mittlerweile schon über zwei Monate alt – lösten ob der schieren zahlenmäßigen Übermacht Stress in mir aus.
Ich habe aus dieser Erfahrung gelernt. Und zwar folgendes:
Push-Benachrichtigungen sind der Teufel.
Die meisten Mails, die man über den Tag bekommt, sind nicht wichtig. Es schadet nichts, wenn man sie erst dann liest, wenn man Zeit dafür hat.
Man muss nicht permanent über jeden theoretisch möglichen Kanal in Kontakt mit seinen Freunden sein.
Smartphone-Nutzung am Tisch ist unnötig.
Jedes Gerät hat einen Aus-Schalter.
Es geht also nicht um Verzicht, sondern um gesunden Umgang mit der permanenten Erreich- und Abrufbarkeit. Hieraus ergibt sich folgende Anleitung zum digitalen Fasten, mit der auch Technik-Nerds nicht verhungern müssen:
Schaltet euer Handy nachts aus!
Ehrlich. Es ist so banal, dass es schon fast verrückt klingt. Wer Nachts nicht für Freunde oder den Chef erreichbar ist, hat Feierabend. Wir haben alle ein Recht auf Feierabend. Nutzt es! Ich kennen genug Leute, die ihr Handy nachts an haben. Lass euch eins gesagt sein: Es gibt so etwas wie Wecker. Außerhalb des Handys. Wirklich wahr.
Schaltet Push-Benachrichtigungen ab!
Nicht jede App, egal ob Nachrichtenseite oder soziales Netzwerk, muss euch mit Gebimmel und Vibrato permanent über jeden Scheiß auf dem Laufenden halten. iPhone-Nutzer haben es hier besonders leicht. In den Einstellungen kann man mit einem Klick Push-Benachrichtigungen für alle Anwendungen abschalten. Der Verzicht mit Android ist da zwar über die jeweiligen Einstellungen jeder einzelnen App komplizierter, lohnt sich aber!
Richtet euch smartphonefreie Zonen ein!
Jeder kennt das: Man sitzt mit Freunden beim Bier, einer holt sein Handy raus. Ehe man „HSDPA“ sagen kann erliegen alle anderen am Tisch dem Gruppenzwang und kommentieren genau den facebook-Eintrag, den der Initiator grade gepostet hat – anstatt direkt mit ihm zu reden. Lösungsvorschlag: Einigt euch mit euren Freunden entweder darauf, dass Smartphones bei realen Treffen ganz tabu sind. Oder legt bestimmte Smartphone-Zeiten, wie etwa nach dem Essen, fest.
Nicht jeder Anruf ist wichtig!
Lass eure Freizeit nicht dadurch aufweichen, dass ihr einfach zu erreichen seid. Wenn Kollegen oder der Chef nach Dienstschluss anrufen, darf das auch gerne mal überhört werden. Gleiches gilt übrigens auch für jede dienstliche Mail nach Feierabend.
Urlaub ist Urlaub ist Urlaub!
Basta! Am besten eine Rufnummer nur dienstlich nutzen und das Handy im Urlaub einfach stilllegen. Dienstliche Mails im Urlaub nicht abrufen. Abwesenheitsbenachrichtigung mit freundlichem Verweis auf die Vertretung wirken wahre Wunder.
Das alles klingt in der Theorie ganz einfach und zumindest auf der technischen Seite (Push-Benachrichtigungen ausschalten) ist es das auch. Probiert es einfach mal aus. Tote Hose war nie schöner!
Das menschliche Gehirn ist zu erstaunlichen Höchstleistungen in der Lage: Es kann in weniger als 12 Sekunden die 13. Wurzel einer hundertstelligen
Zahl berechnen, mit 68 verschiedene Sprachen gleichzeitig jonglieren oder das Überangebot an TV-Sendern verkraften. An einer Aufgabe scheitert es allerdings regelmäßig: Am Einschätzen von Flächen und Entfernungen.
Ein gutes Beispiel für ein solches Scheitern ist die Pfingstkirmes im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. So sicher wie es dort jedes Jahr zu einer Kirmesschlägerei kommt, geht hier auch alljährlich jemand im Rhein unter. Die fehlende Nachtbusanbindung zur gegenüberliegenden Rheinseite nach Bonn und der Genuss von mehreren Kränzen Kölsch führt dann meist zur fatalen Fehleinschätzung, dass der Rhein ja nun so breit auch wieder nicht sein könne.
Aber nicht nur bei der Einschätzung von Entfernungen liegen wir oft daneben, sondern auch – und das eigentlich immer – bei der Einschätzung von Flächen. Oder wisst ihr spontan wie viel Quadratmeter ein Hektar hat? Ein Ar? Ein Morgen? Dachte ich mir. Und selbst wenn ihr es wisst, bleiben Quadratmeterzahlen doch meist eher abstrakte Größen, zu denen wir irgendwie keinen Bezug finden.
Kennen wir alle: Ein Fußballfeld.
Um solche Zahlen anschaulicher zu machen, greifen wir Journalisten gerne zu einer Geheimwaffe: Dem Fußballfeld. Schließlich hat jeder von uns schon mal irgendwie ein Fußballfeld gesehen. Und wer schon mal eins gesehen hat, der kann sich auch viele vorstellen. So weit die Theorie. Um es dem Leser/Hörer/Zuschauer möglichst bequem zu machen hat ein Ölteppich dann eine Größe von 16.000 Fußballfeldern, einem Waldbrand ist eine Fläche von 136 Fußballfeldern zum Opfer gefallen oder eine Baustelle ist so groß wie zehn Fußballfelder.
Die Seitenlinien sind zwingend länger als die Torlinien.
Länge (Seitenlinie): mindestens 90 m, höchstens 120 m
Breite (Torlinie): mindestens 45 m, höchstens 90 m
Alle Linien sind gleich breit. Ihre Breite beträgt höchstens 12 cm.
Internationale Spiele
Länge (Seitenlinie): mindestens 100 m, höchstens 110 m
Breite (Torlinie): mindestens 64 m, höchstens 75 m
Das größte mögliche Fußballfeld hätte also demnach eine Fläche von 10.800 Quadratmetern. Das kleinste gar nur eine von 4.050 Quadratmetern. Das ist immerhin eine Differenz von schlappen 6.750 Quadratmetern! Selbst nach internationalen Höchst- und Mindestabmessungen der Spielfeldgröße ergäbe sich noch eine mögliche Differenz von 1.850 Quadratmetern. Wer sich also für einen ernst zu nehmenden Journalisten hält, sollte unbedachte Größenvergleiche mit der Maßeinheit „Fußballfeld(er)“ besser vermeiden – auch wenn sie noch so verlockend erscheinen.
Aber welche Maßeinheit bietet sich als Alternative zum viel zitierten Fußballfeld an? Die Antwort kann nur lauten: Das viel zitierte Saarland! Zwar sind Größenvergleiche mit dem Saarland mindestens genauso ausgelutscht wie Größenvergleiche mit Fußballfeldern. Trotzdem hat das Saarland gegenüber dem Fußballfeld den unschätzbaren Vorteil, dass es – trotz seiner wechselhaften Geschichte – heute eine festgelegte Größe darstellt, an der nicht mal der DFB etwas ändern kann. In einem schon etwas älteren Artikel auf neon.de nennt der Autor das Saarland gar „Deutschlands wichtigste Maßeinheit“.
Und er hat recht! Das Saarland ist und bleibt 2.569.690.000 Quadratmeter groß (was übrigens einer Fläche von ungefähr 237.934 DFB-Maximalfußballfeldern oder rund 634.491 DFB-Minimalfußballfeldern entspricht) und ist – neben den Fußballfeldern – tatsächlich des Journalisten liebste Maßeinheit. Tippt doch einfach mal „eine Fläche so groß wie das Saarland“ bei google ein! Ich habe zwar keine Ahnung warum es ausgerechnet das Saarland ist, dass uns Deutschen Waldbrandflächen anschaulich machen soll, aber es ist eben so.
Um ehrlich zu sein ist es mir auch wurscht. Hauptsache wir kommen endlich los von diesen unzuverlässigen Fußballfeldern! Auch wenn für das Saarland im Gegensatz zum Fußballfeld die Regeln „kennt jeder, hat jeder schon mal betreten“ nicht gilt.
Beim Lokalradio zu arbeiten hat einen unschätzbaren Vorteil: Man kommt in direkten Kontakt mit dem, für den man den ganzen Quatsch macht. Man kommt in Kontakt mit der Zielgruppe, sprich: mit dem Hörer. Ich kann das behaupten, weil ich als „Freier“ auch schon für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschuftet habe. Und dort hält man – abgesehen von social media – den Hörer lieber auf Abstand. Hörernähe ist also eines der Pfunde, mit dem der Lokalfunk wuchert. Beim Lokalfunk kann man es als Anrufer noch schaffen, direkt zum Moderator ins Studio durchzukommen oder gar die ganze Redaktion auf einem gemeinsamen Wandertag zu treffen – bei den meisten „Öffies“ undenkbar!
Hörernähe hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Manche Hörer glauben Dich zu kennen und lassen dann vielleicht die höfliche Distanz im Umgang miteinander vermissen, nur weil sie Dich ab und zu mal im in „ihrem“ Radio hören. Hörernähe kann aber auch den Vorteil haben, dass man sozusagen live beobachten kann, wie man selbst als „Medienmensch“ wahrgenommen wird. Auf was ich als Reporter auf Tuchfühlung mit der Zielgruppe zum Beispiel oft treffe, das ist der Hörer-Glaube an etwas, das ich mal als „Magie des Mediums“ bezeichnen möchte. Für den Medienkonsumenten hat offenbar alles was mit Funk- und Fernsehen zu tun hat einen gewissen Glamour, ja fast schon Sex-Appeal. Dieses Magische schließt auch die Vermutung mit ein, dass in den Medien viel zu verdienen wäre. Wer im Fernsehen ist, oder im Radio, der hat schließlich was zu sagen, ist irgendwie bekannt und muss deshalb auch viel verdienen. Logisch!
Ich kann aber an dieser Stelle aufklären: Bei dieser Annahme handelt es sich um einen Mythos. Ein Mythos, an dem wir Medienleute allerdings auch fleißig mitgestrickt haben, wenn wir zum Beispiel von unserem „Verkehrs-Studio“, unserer „Wetterredaktion“ oder von unserem/-er „Morgenteam/Morgencrew“ sprechen, die alle höchstens aus einer kleinen Hand voll Leute, meist sogar nur aus einer Person bestehen. Wir Medienmenschen haben nämlich einen Hang zur Übertreibung und zur Überhöhung unserer selbst. Die Leute wollen Lametta – wir geben ihnen Lametta.
Ich (rechts, voller Idealismus) war jung und brauchte kein Geld: Anfänge im Campusradio, vermutlich irgendwann 2006.
Vermutlich auch deshalb übt die Medienbranche trotz aller herbeigeredeten Krisen noch immer eine so ungeheure Anziehungskraft auf den potentiellen Nachwuchs aus, dass einem nur schwindelig werden kann. „Was mit Medien machen“ ist Berufswunsch und Mantra ganzer Heerscharen von Praktikanten geworden. Ich wage die nicht ganz unbergündete These, dass die meisten Medienhäuser, die nicht völlig in der Pampa liegen, einen derart hohen Durchlauf an Praktikanten haben, dass die meisten Redaktionsmitglieder längst aufgegeben haben, sich die Namen des ständig nachwuchernden Nachwuchses merken zu wollen.
Mir stellt sich die Frage: Warum drängen so viele junge Menschen mit einer derartigen Vehemenz in eine Branche, in der die Verdienstmöglichkeiten eher übersichtlich sind? Warum reißt der Strom derer einfach nicht ab, die auch völlig ohne Bezahlung freiwillig mehrere Monate ihres Lebens in den Irrenhäusern vieler Redaktionen verbringen? Wieso drängen diese oft gut ausgebildeten Leute nicht dorthin, wo Fachkräftemangel herrscht, sich die Chefs um den Nachwuchs kloppen und wo es tatsächlich Geld zu verdienen gibt? Warum wollen also alle „in die Medien“?
Es gibt nur zwei Antworten: Es ist entweder Leidenschaft oder Geltungssucht. Auf Kollegen zu treffen, die aus Leidenschaft viel Stress, Arbeit zu unmöglichen Zeiten und schlechte Bezahlung in Kauf nehmen, ist stets eine Freude. Auf Kollegen zu treffen, die nur aus Leidenschaft viel Stress, Arbeit zu unmöglichen Zeiten und schlechte Bezahlung in Kauf nehmen, ist aber eher die Ausnahme. Denn wir alle, die wir bei Funk- und Fernsehen arbeiten, tun dies auch, um im Rampenlicht zu stehen. Wir suchen die Öffentlichkeit – sonst hätten wir ja auch Leuchtturm-Wärter werden können.
Da wollen alle hin: Hinter’s Mikro, oder am besten gleich vor die Kamera.
Trotzdem habe ich das Gefühl, dass diese „Magie des Mediums“ sich irgendwie selbstständig gemacht hat: Die, die Medien produzieren, setzen alles daran, dass dieser Mythos bei denen, die die Medien konsumieren, bestehen bleibt. Das hat scheinbar zur Folge, dass die Zahl derer, die etwas von diesem Glanz abkriegen wollen, auf einem konstant hohen Pegel bleibt. Eine Spirale des (Selbst-)Betrugs. Im schlimmsten Fall wächst da also eine Armee von Schaumschlägern und Wichtigtuern nach, die alle glauben der nächste Thomas Gottschalk zu sein und dann irgendwann feststellen, dass ihr Eldorado doch nicht aus Gold, sondern aus banaler Alltagsroutine, Stress und in der Regel bescheidener monetärer Entlohnung besteht.
Ich selber saß schon vor zahlreichen Mediencoaches und -dozenten, die alle ihren Job zu einem großen Teil der Tatsache zu verdanken haben, dass die Medien, die sie repräsentieren, eine derart hohe Strahlkraft haben, dass ihr Publikum (mich eingeschlossen) es für karrierefördern hielt, Geld für ihre vermeintliche Expertise auszugeben. Nur einer dieser Coaches hat jemals darauf hingewiesen, dass man mit Journalismus in der Regel nicht reich wird. Ihm möchte ich hiermit ein kleines Denkmal setzen und fordere gleichzeitig einen ehrlicheren Umgang mit den Verheißungen der Medienbranche.
Wer „was mit Medien machen“ möchte, sollte also wissen: Als Journalist winkt nicht automatisch die dicke Kohle und der VIP-Status! Geht bloß nicht in die Medien, wenn ihr damit eine Familie ernähren und vielleicht auch irgendwann mal eine Rente haben wollt! Wenn ihr es trotz dieser Warnung immer noch wollt, dann willkommen im Club. Willkommen in der wunderbaren Glitzerwelt des Medienzirkus!
Eine der bekanntesten Filmszenen der Kinogeschichte: Luke Skywalker und Darth Vader liefern sich im Reaktorschacht der Wolkenstadt Bespin in „Das Imperium schlägt zurück“ ihr berühmtes Laserschwert-Duell. Vader ist Luke deutlich überlegen, drängt ihn über einem tiefen Abgrund in die Enge und schlägt ihm chirurgisch sauber und verblüffend unblutig (FSK 12!) die Schwerthand ab. Es kommt zum seither oft zitierten „Ich bin Dein Vater!“-Dialog, an dessen Ende Luke sich nach einem verzweifelten „Neeeeeeeein! Nein!“ in die schier endlose Tiefe stürzt und diesen Sturz auch noch wie durch ein Wunder überlebt.
Das ist auch nötig, damit die beiden sich in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, dem großen Finale der Star Wars-Saga, erneut gegenüberstehen können und am Ende das Gute über das Böse siegen kann, was in etwa so aussieht:
Diesmal ist es Luke der Vader überlegen ist, seinem Vater die mechanische Schwerthand abschlägt und den Kampf mit ihm erst aufgibt, als er seine eigene Handprothese betrachtet und erkennt, dass er auf dem besten Wege ist, so zu werden wie sein alter Herr.
Was uns der weise George Lucas damit sagen wollte, ist: Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd, wir können nicht aus unserer Haut und dem Fluch unserer Gene nicht entfliehen. Kurz: Ob wir wollen oder nicht – wir werden am Ende alle wie unsere Eltern, respektive: unsere Väter.
Während Papa schon feiert, warten mein Bruder und ich ganz offensichtlich noch auf den Champagner und die Grid Girls.
Interessanter Weise erkennt man das aber erst, wenn der eigene Vater nicht mehr ist. Zumindest ging mir das so. Klar: Dass ich die Macksche-Nase von ihm geerbt habe, war mir auch schon bewusst, bevor er vor mittlerweile vier Jahren gestorben war. Trotzdem entdecke ich erst jetzt, wo er nicht mehr da ist, wie viel von meinem Alten tatsächlich in mir steckt.
Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Klebern. Ja, richtig: Kleber. Mein Vater war offensichtlich fest davon überzeugt, dass es für alles im Leben eine Lösung gibt und dass sich deshalb auch alle der Wissenschaft bis dato bekannten Elemente irgendwie wieder zusammenkleben lassen, wenn sie mal auseinanderbrechen. Stummer Zeuge dieser Überzeugung ist die Klebstoff-Box, die seit Jahrzehnten im väterlichen Bastelkeller meines Elternhauses befindlich war und die nun entlarvender Weise ihren Platz im Abstellkämmerlein meiner Wohnung gefunden hat. In dieser Box findet sich der passende Klebstoff für alle möglichen und auch unmöglichen Baustoffe: Holz, Plastik, Metall, Leder, Schaum- und Kunststoffe aller Art oder Glas – vermutlich ist da auch irgendwo ein Kleber, der gespaltene Atome wieder zusammenfügt und auch Oasis wieder zusammen bringen könnte.
Früher von mir eher belächelt habe ich nun meinerseits Freude an dieser Klebstoff-Sammlung entwickelt. Spätestens seitdem im Badezimmerschränkchen ein Scharnier ausgebrochen war und ich die klaffende Wunde in der Schranktür virtuos mit einer Zwei-Komponenten-Lösung ausbessern konnte, war mir klar: Papa war ein weiser Mann. Papa hatte recht mit seiner ganzheitlichen, auf Klebstoff begründeten Lebensphilosophie!
Damals hielten sich die Ähnlichkeiten – bis auf den Helm – noch in Grenzen.
Meine mechanische Schwerthandprothese ist allerdings nicht der Kleber, sondern Sägen, verschiedene Bohrköpfe oder Wasserwaagen mit Laserpointern. Wenn ich heute durch einen Baumarkt schlendere, ertappe ich mich nämlich oft genug dabei, wie ich voller Bewunderung verschiedene Werkzeuge daraufhin überprüfe, ob ich sie gebrauchen kann, was ich – falls die Antwort hierauf „nein“ lauten sollte – trotzdem mit ihnen anstellen könnte und wie sie sich in meiner Werkzeugkiste machen würden.
Eine weiter Sammelleidenschaft meines Vaters neben den Klebstoffen waren nämlich Werkzeuge: Da gab es alles in mindestens dreifacher Ausführung, denn Platz genug war im Keller ja da. Wo andere sich im Baumarkt eine Gehrungssäge geliehen haben, war er quasi selbst der Baumarkt, der alles da hatte – auch wenn er es nur einmal im Leben brauchen sollte (was aber meines Wissens auf kein Werkzeug in seinem Fundus tatsächlich zutraf).
Auch die alten Witze und albernen Zoten Karl Valentin’scher Prägung, mit denen mein alter Herr Gäste gerne erfreute, damit seiner Familie aber gleichzeitig leicht auf den Nerv fiel, weil wir diese Sprüche schon auswendig kannten und mitsprechen konnten, brechen an geeigneter und völlig ungeeigneter Stelle in meinem Kopf hervor – meist kann ich mir aber gerade noch so verkneifen, die alten Sprüche meines Vater, die er vermutlich schon vom Großvater geerbt hat, aufzuwärmen. Noch.
Denn mittlerweile habe ich eins erkannt: Ewiges Leben ist möglich! Mein Vater lebt. Durch seine Gene. In mir. Ich selbst bin gespannt, wie viel ähnlicher ich ihm noch werden werde.
Anmerkung des Herausgebers: Als mein Vater gestorben ist, hat er einen Keller voller Modelleisenbahn-Kram hinterlassen: Waggons, Modellautos, Züge, fertige gebastelte Bausätze von Modellhäusern, Schienen, Schranken, Trafos, Bäumchen, Figürchen und so weiter und so weiter. Komischer Weise hat mein Vater uns Kinder (also meinen Bruder und mich) nie mit dem Eisenbahn-Virus infizieren können. Ich glaube, er hat es aber auch gar nicht ernsthaft versucht. Vielleicht liegt es auch daran, dass er immer auf die Frage, wann er denn seine Anlage mal aufbauen will gesagt hat: „Das mach ich, wenn ich in Rente bin!“ Schon damals wußte ich nicht so recht, ob das Ironie war oder ernst gemeint. Ich habe es nie herausgefunden. Denn rentenkassenfreundlich ist er kurz vor Erreichen des Ruhestandalters gestorben. Meiner Mutter fiel es also zu, seine Modelleisenbahnsammlung – ein schönes Wort fürs „Galgenmännchen“ übrigens! – aufzulösen. Denn mit dem ganzen Kram wußte niemand wirklich so recht etwas anzufangen. Als Muddi von einer ihrer Modellbahnmessen kam, sagte sie: „Darüber könnte man echt mal ’nen Artikel schreiben!“ Ich habe sie beim Wort genommen und ihr zugeredet genau das zu tun – und hier ist er:
Was ist heute eigentlich noch eine lupenreine Männerdomäne? Ad hoc fällt mir nicht allzu viel dazu ein.
Mein Ausflug in die Domäne der Modelleisenbahnfreaks war allerdings auch kein frei- oder mutwilliger, sondern rein praktischer Natur. Mein lieber Mann starb vor vier Jahren und hinterließ einen ziemlich großen Kellerraum voller Kisten und Kartons, die mit seiner ersten Liebe, der Modellbahn gefüllt waren. Als brave Ehefrau hatte ich diese Leidenschaft meines Mannes jahrelang wohlwollend toleriert , hielt es ihn doch regelmäßig von anderen Torheiten ab. Außerdem entging er in seinem Refugium gerne lästigen Verpflichtungen, wie dem Unterhalten angereister Verwandtschaft oder anderer anstrengender Besucher, was teilweise weniger wohlwollend von mir empfunden wurde.
War ein großer Eisenbahn-Fan: Papa.
Es war ihm aber leider nicht vergönnt, die seit Jahren geplante und in Ansätzen auch schon umgesetzte Anlage aufzubauen, die ein Spiegelbild seiner fränkischen Heimatstadt Nürnberg werden sollte. Nach angemessener Trauerzeit und intensivster Befragung der Söhne, ob sie denn nicht diesen Teil des väterlichen Erbes antreten wollten, sie dies aber vehement zurückwiesen, machte ich mich daran, den Umfang der Sammlung festzustellen. Eine grobe Durchsicht ergab: ca. 130 Lokomotiven, mehr als 600 Wagons, unzählige vollendete und noch im Bau befindliche Häuser, Industrieanlagen, Bahnhöfe, Stellwerke, Schienen, Weichen, Werkzeuge für Feinmechanik, Farben und und und…
Unter anderem fand ich kartonweise Piko-Erzeugnisse wie Trafos, Schaltpulte etc., die mein Mann anlässlich eines Urlaubs in der Rhön direkt nach der Wende in Sonneberg aufkaufte. Auch haufenweise Bausätze für Häuser im DDR- Charme der Marke Vero.
Was tun mit diesen Dingen? Kluge Ratschläge gab es genug, Flohmarkt, Ebay, Händler, Annonce etc. Das wäre alles ziemlich aufwändig gewesen und kam daher auch nicht für mich in Frage. Außerdem sollte derjenige, der offensiv mit der Sammlung auf den Markt drängt, auch eine- zumindest – leise Ahnung von Preisen haben! Die sogenannten unentdeckten Kellerschätze können sich als ganz schön bleiern und wertlos entpuppen, hörte ich. Lange nicht bespielt? Analog? Kannste schon vergessen!
Also war der erste Akt, erst mal auflisten, was da ist und in welchem Zustand. Der Lokdoktor, zufällig ein Nachbar von gegenüber, half bei der Durchsicht der Loks, ölte, prüfte (nicht ganz uneigennützig) und versah die guten Teile mit einem Aufkleber mit seinem Prüfvermerk. Ein Testbesuch bei einer Modellbahnbörse brachte dann die Erkenntnis: Nur hier werde ich verkaufen, Fachkundschaft da, Händler auch, die nix anderes machen, als des Mannes liebstes Spielzeug an denselben zu bringen.
Bei meiner erste Börse – eintägig- schlugen sofort die Wogen über mir zusammen. Die Händler stürzten sich schon vor Einlassbeginn auf meinen Verkaufsstand und entrissen mir die Sachen en gros- vermutlich für ’nen Appel und ’nen Ei. Ich hatte noch nicht einmal Zeit, meine Waren auszuzeichnen, da war schon ein gutes Drittel weg. Vermutlich verkauften sie ihre Beute für das Doppelte weiter, aber was soll’s, meine Kartons wurden leerer und ich vermied tunlichst, die Käufer an ihren Ständen aufzusuchen und meinen Sachen nachzuspüren.
Erkenntnis des ersten Tages: Ich bin zu billig, das passt den anderen nicht.
Der nächste Termin: Direkt ein ganzes Wochenende. Man kommt sich näher von Händler zu Händler, wird beraten in technischen Fragen (das arme Frauchen hat ja auch gar keine Ahnung!)und nachdem meine Vita bekannt ist, wird mir auch aus lauter Sympathie was abgekauft- natürlich günstig- wir sind ja hier unter Händlern!! Man schaut kein bisschen blasiert auf mich herab, nur Wohlwollen sehe ich in ihren Gesichtern, denn hier ist der Mann noch Mann und darf es sein, besonders in seiner Eigenschaft als Fachkundiger in technischen Angelegenheiten, von denen Frauen aber auch Null-Ahnung haben.
Blick von Mamas ersten eigenen Stand auf einer Modellbahnmesse. Im Hintergrund: Die Modelleisenbahner-Typen 1 bis 3.
Langsam werde ich routinierter und kann auch mit Fragen nach Epochen etwas anfangen, beim ersten Mal hatte ich bei der Bemerkung eines Kunden, die Lok passe nicht in seine Epoche, nur Fragezeichen in den Augen. Natürlich kann ich immer noch nicht sagen, welche Schienensysteme oder Kupplungen kompatibel sind, aber ich habe ja die netten Kollegen, die vor lauter Freude über mein Engagement schon die gemeinsamen nächsten Termine für mich buchen. Sollte da was anderes als Freude über eisenbahnverkaufende Witwen im Spiele sein? Ich spüre Anerkennung und Bewunderung, dass ich diesen Weg gewählt habe, die Anlage selbst zu verkaufen, bekomme Tipps zum Präsentieren der Ware und Hilfe in Form von kundigen Bastlerhänden, wenn wieder mal ein Teil von diesen verfluchten Minihäusern der Spur N abgefallen ist. „Komm, Engelschen“, sagt mein Kölscher Nachbar, der Hobbyverkäufer und natürlich auch Mitglied eines Eisenbahnclubs ist, jib mal her, isch mach dat janz!“ Na prima, da bringe ich morgen den Herren als Dankeschön ein paar meiner selbstgebackenen Lebkuchen mit und die Liebe ist grenzenlos…
Die Börsianer und Modellbahnclubberer sind eine Sorte Mäuse für sich, aber sehr gesellig und hilfsbereit. Man frühstückt gemeinsam bei den zweitägigen Börsen, manchmal gibt`s auch abends noch was, man besucht sich gegenseitig an den Ständen, lobt die aufgebauten Anlagen der Clubs und hat im Gegenzug auch supernette Kunden, denen ihr Hobby einiges wert ist.
Der durchschnittliche Besucher der Ausstellung und Börse jedoch hat mich erschreckt und kann grob in drei Kategorien eingeteilt werden:
Das erste Drittel Mann ist weit über 50 Jahre alt, ungepflegt, bärtig und ziemlich korpulent. Er hat wenig Geld und kreist während seiner durchschnittlichen Verweildauer von mehr als drei Stunden mindestens 5 Mal um deinen Stand, bevor er das Portemonnaie zückt und eine Kleinigkeit kauft.
Ein zweites Drittel kommt mit vorgeschoben interessierter Ehefrau und lässt sich jede Dezimierung des Haushaltsgeldes von ihr zuvor absegnen, diese Männer kreisen höchstens dreimal um den Stand, weil die Frauen wieder an die Luft wollen, bekommen aber vermutlich gerade deshalb oft den Segen des Eheweibes.. Durchschnittliche Verweildauer hier ca. 2 Stunden incl. Besuch der Cafeteria.
Das letzte Drittel Mann kommt mit dem Nachwuchs und wurde vermutlich von Mama zur Wahrung des Sonntagsfrieden aus dem Haus geschickt. Dieser Kunde schaut nicht nur, er nimmt auch alles in die Hand, erklärt es dem mehr oder weniger interessierten Nachwuchs – und – kauft nichts! Hier geht es nur um das Prinzip „Zeittotschlagen“ bis wir wieder zur Mama dürfen.
Vielleicht gibt es noch mehr Kategorien von Kunden zu entdecken, aus diesem Grund möchte ich gerne noch ein wenig tauchen gehen- denn, ehrlich, es macht mir inzwischen Heidenspaß!
Neulich habe ich bei Spiegel Online von einer interessanten Umfrage eines großen Meinungsforschungsinstituts gelesen, in der die Selbstwahrnehmung von West- und Ostdeutschen abgefragt wurde. Außerdem wurde gefragt, wie die „Wessis“ die „Ossis“ sehen und andersherum. Das Ergebnis kurz zusammengefasst: Viele „Ossis“ (rund 40 Prozent) halten die „Wessis“ für arrogant, geldgierig und oberflächlich und schätzen sich selbst zum großen Teil (fast 50 Prozent) als fleißig, bescheiden und erfinderisch ein.
Einige „Wessis“ (rund 25 Prozent) halten die „Ossis“ für misstrauisch, ängstlich und unzufrieden. Die „Wessis“ sehen sich aber im Gegensatz zu den „Ossis“ viel eher selbstkritisch: Denn nur 17 Prozent von ihnen schreiben sich selbst ähnlich positive Eigenschaften zu, wie es die „Ossis“ tun.
Eine sicher rein zufällige Geräteanordnung in einer thüringer Werksatt 😉
Das verheerende ist: Solche Umfrageergebnisse sind im Grunde erwartbar. Denn die Ost/West-Trennung ist immer noch erstaunlich präsent – und das nicht nur in den viel zitierten „Köpfen der Deutschen“. Nein, die innerdeutsche Grenze verläuft ganz offiziell auch heute immer noch da, wo es um Datenmaterial geht.
Sind sich „Ossis“ und „Wessis“ 22 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch so fremd oder trägt die statistische Unterteilung von West- und Ostdeutschland, von „alten“ und „neuen Ländern“, dazu bei, dass wir immer noch diese dämliche Grenze ziehen müssen?
Fakt ist: Das deutsch-deutsche Verhältnis ist immer noch von Vorurteilen belastet – auf beiden Seiten. Ich persönlich bin da schon einen Schritt weiter und betreibe meine ganz eigene Wiedervereinigung, indem ich mit einer „Ossi-Frau“ zusammen bin. Bei Ausflügen in ihre thüringer Heimat ist die DDR tatsächlich noch in maroder Bausubstanz, Ostalgie-Produkten und dem MDR-Fernsehprogramm präsent. Allerdings habe ich persönlich das Gefühl, dass sie dies insbesondere bei der Generation ist, die in die DDR hineingeboren wurde und die noch lange Jahre in ihr gelebt hat. Eine Generation also, die seit ihrer Geburt nichts anderes kannte und zur Wendezeit vielleicht schon zu alt war, um die Welt jenseits des „eisernen Vorhangs“ erkunden zu wollen.
Das führt unter anderem dazu, dass man als „Wessi“ bei einem Urlaub an der deutschen Ostseeküste von sächsischer und thüringer Mundart umgeben ist und sich irgendwie in der Minderheit fühlt. Ostdeutsches Urlaubsverhalten nach der Devise: Was früher schon gut war, muss es auch heute noch sein! Und wo wir schon bei Mundart waren: Überhaupt ist die „Sprache des Ostens“ in der West-Wahrnehmung ja meist mit Sächsisch gleichgesetzt. Und weil Sächsisch sich für die meisten „Wessis“ anhört wie Klingonisch mit Kehlkopfkrebs, rangiert der „Sound des Ostens“ auf der Beliebtheitsskala der Dialekte auch ganz weit hinten. Vielen jungen „Ossis“, die in den Westen abwandern, ist ihre sprachliche Identität dieser Logik zur Folge derart peinlich, dass sie eine „Dialektbereinigung“ durch einen Sprachheilpädagogen für notwendig halten, um im Job ernst genommen zu werden!
Auch eine Generation nach Mauerfall also noch tiefe Verunsicherung besonders auf Seiten der „Ossis“ und gleichmäßig verteilte Vorurteile in West und Ost. Wie lang wird es wohl dauern, bis „Ossis“ „Wessis“ nicht mehr als arrogante Heuschrecken wahrnehmen und „Wessis“ nicht als erstes an Trabis und Bananen denken, wenn sich ein neuer Kollege aus Leipzig vorstellt? Vermutlich müssen erst noch 50 Jahre vergehen, bis die letzten Zeitzeugen der DDR weggestorben sind, damit wieder Normalität im deutsch-deutschen Verhältnis einkehrt. Vielleicht haben sich die Klischees dank Tatkräftiger Unterstützung von Olli Geißen und Katarina Witt bis dahin aber auch derart verfestigt, dass sie eine vollkommende Wiedervereinigung für immer unmöglich machen.
Als ich von der Polizei hinter das Absperrband gebeten wurde, war die Lage am Bonner Hauptbahnhof noch unübersichtlich: Es hieß, eine verdächtige Tasche sei an Gleis 1 gefunden worden. Aus ihr hingen Drähte und man habe sie mit einer Wasserkanone „geöffnet“, was so viel heißt wie: völlig zerfetzt. Bevor ich den abgesperrten Gleisbereich betreten konnte, auf dem Experten des LKA bereits auf den Knien die winzigen Überreste des Tascheninhalts vom Boden auflasen, hatte ich noch in die laufende Sendung geschaltet. Die Kollegen von Print und Fernsehen waren bereits am Gleis, es galt ihren Wissensvorsprung aufzuholen.
Der war aber geringer als zuerst befürchtet: Es zeigte sich nämlich schnell, dass die Polizeizuständigkeiten vor Ort noch völlig ungeklärt waren und die Informationen deshalb eher träge flossen. Die Bundespolizei hatte noch das Sagen, schließlich ist sie für die Sicherheit an Bahnhöfen zuständig. Außerdem waren aber natürlich noch Polizisten aus Bonn, Sprengstoffexperten und Leute von der Spurensicherung vor Ort.
Polizisten suchen am Hauptbahnhof nach Teilen des Sprengsatzes.
Ein Bundespolizist rief die Meute der Journalisten zusammen, um eine Erklärung abzugeben. Millisekunden nachdem er tief eingeatmet hatte, um den ersten Satz zu formulieren, nach dem die Pressemeute (mich eingeschlossen) lechzten, klingelte sein Handy. Er dürfe nun doch nichts sagen, teilte er uns mit, Polizei-Pressesprecher aus Köln seien aber unterwegs. Stattdessen trafen dann aber eine gefühlte Ewigkeit später zwei Pressemenschen der Kreispolizei aus Siegburg ein, um uns in Bonn über einen Fall zu informieren, dessen Handlung sich wenige Meter vor unserer Nase abspielte, der aber von den Kollegen aus Köln geleitet wurde (,die aber nie für mich erkennbar auftauchten).
Der langen Einleitung kurzer Sinn: Im gesamten weiteren Verlauf des Falles „Bombe am Bonner Bahnhof“ gingen die Zuständigkeiten der Ermittlungsbehörden durcheinander und die Informationspolitik war eher als dürftig zu bezeichnen. Um beispielsweise einen Telefon O-Ton von der Kölner Polizei zu bekommen musste ich mir fast schon ein Bein ausreißen. Gelohnt hatte sich die Mühe dann auch nur bedingt, weil es aus Köln nur hieß man ermittle „in alle Richtungen“. Auch von einer Pressekonferenz der Kölner Polizei erfuhren wir erst nur durch andere Medien. Nach einem Anruf in Köln bestätigte die Polizei aber den Termin und wir witzelten schon ob wir melden sollten: „Die Kölner Polizei gibt heute um 17 Uhr eine Pressekonferenz zur Bombe am Bonner Hauptbahnhof. Das bestätigte die Polizei auf Radio Bonn/Rhein-Sieg Nachfrage“.
Raum für allerlei Spekulation also und der erste, der diesen Mutmaßungsreigen eröffnete, war erwartungsgemäß die BILD-Zeitung. Sie war es, die unter Berufung auf „Sicherheitskreise“ (dieses Wort sollte auch noch bei ganz vielen anderen Medien auftauchen, wenn es darum ging eigene Spekulationen kund zu tun), als erste eine Verbindung zur so genannten „Bonner Salafistenszene“ herstellte. Nun muss man natürlich mit Enthüllungen der BILD erfahrungsgemäß immer etwas vorsichtig sein. Trotzdem sprangen alle Medien auf den Salafismus-Zug auf und als dann auch noch zwei mutmaßliche radikale Islamisten festgenommen wurden, schien die Sache klar.
Blöd nur, dass die beiden, die zweifelsohne einen radikal-islamischen Hintergrund haben, mit der Sache am Gleis 1 offenbar nichts zu tun hatten und wieder laufen gelassen werden mussten. Auch über die Gefährlichkeit der Bombe gab es lange Zeit wilde Spekulationen, weil die Polizei sich nicht einmal darauf festlegen wollte, ob es sich überhaupt um eine Bombe im eigentlichen Sinne handelte.
Von der Polizei Köln veröffentlichter Videoausschnitt.
Die Polizei in Köln hatte inzwischen auch ein Phantombild eines Mannes veröffentlicht, der als Zeuge oder Tatbeteiligter in Frage kommt. Witziger Weise war bereits lange zuvor, noch am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs, einem Beamten der Bundespolizei herausgerutscht, dass wohl ein „Dunkelhäutiger“ mit der Tasche gesehen worden sein soll. Interessant, dass an manch wildem Gerücht oftmals auch ein Fünkchen Wahrheit dran zu sein scheint…
Insgesamt muss ich sagen, dass solch ein spektakulärer Fall mit glimpflichem Ausgang für einen kleinen Lokalradio-Mann natürlich ein Glücksfall ist: Bonn ist bundesweit in den Medien, was ja den Großstadt-Phantasien einiger im Örtchen entgegenkommen dürfte. Auf der anderen Seite ist das Schreck-Potential „Islamistischer Terrorismus in der Nachbarschaft“ natürlich irgendwie beunruhigend. Im von der Polizei veröffentlichen Video, das den vermeintlichen Bombenleger zeigt, wirkt es tatsächlich so, als trage der Mann einen langen Vollbart, der ungute Erinnerungen an den „Bonner Salafisten“ Murat K. wach ruft. Einblicke in die verquere Gedankenwelt eines ideologisch verblendeten Extremisten konnte ich nämlich bei dessen Prozess vor dem Bonner Landgericht mehr als genug bekommen. Murat K. hielt es nämlich für völlig ok mit einem langen Küchenmesser auf Polizisten einzustechen, wenn ein armseliger Haufen doofer Neonazis von seinem Versammlungsrecht Gebrauch macht und auf plumpste Art gezielt Moslems provoziert. Kaum vorzustellen, was so einer mit einer Bombe anrichten könnte.
Sollte sich wirklich herausstellen, dass der Bombenalarm am Hauptbahnhof auf die „Bonner Salafistenszene“ zurückgeht, dann hat die Region ein Problem und Bonn könnte sich wirklich auf unrühmliche Art und Weise landesweit einen Namen als Extremistenhochburg machen. Da dieser Fall aber wie gesagt eine ganz eigene Dynamik hat, bleibt im Moment alles Spekulation. Gut möglich, dass genau in diesem Moment schon weitere Details bekannt werden, die die Geschichte wieder in eine ganz andere Richtung weiterdrehen.
Selbstversuche einen Tag, ein paar Tage, eine Woche, ein paar Monate oder eine unbestimmte Zeit ohne Internet, Handy oder ohne Internet auf dem Handy zu überleben gibt es viele. Wir Journalisten tun das, wenn uns langweilig ist, Sommerloch herrscht oder wir uns digital selbst geißeln wollen, in dem wir online über unsere online-Abstinenz berichten.
Trotzdem bin ich grad sozusagen offline. Also nicht in diesem Moment, da sitz ich schließlich vor nem Klapprechner und futter gebrannte Mandeln und tippe diesen Satz hier ein. Nein: Ich habe im Moment kein Smartphone, bin also sozusagen offline 2 go.
Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Mein Samsung Galaxy SII besaß die Freundlichkeit kurz vor Ablauf seiner zweijährigen Gewährleistung seinen Geist aufzugeben (an dieser Stelle mal fette Props an die sonst so oft gescholtenen Homies von der EU!). Das US-amerikanische E-Commerce-Versandhaus amazon.de erstattete mir nach zwei erfolglosen Reparaturversuchen seinerseits den Originalkaufpreis von ca. 540 Euro zurück – was ein feiner Zug ist, wenn man bedenkt, dass das gleiche Gerät aktuell bei amazon für rund 340 Euro zu haben ist.
Da ich aber als Pre Paid-Nutzer und notorischer Handyvertrag-Verweigerer noch darauf warte, dass das LTE-fähige Nachfolgemodell zu amazon kommt (man will ja schließlich im Falle eines Falles die gleiche bequeme Gewährleistungsabwicklung in Anspruch nehmen), obwohl es noch gar keine LTE-Option für Pre Paid-Kunden gibt, renne ich grade mit einem Telefon der Pre-Smartphoneära herum: Dem fabelhaften Samsung Jet S8000.
Dieses Telefon stammt aus einer Zeit, in der das iPhone seine unangefochtene Spitzenposition im Smartphone-Markt noch behaupten konnte, in der Samsung sich noch recht unbeholfen ans Smartphonesegment rantastete und Apple es noch nicht nötig hatte aus Innovationsmangel mit Patentklagen um sich zu werfen.
Dass Samsung auch schon damals zweifelsfrei vom iPhone geklaut hat steht außer Frage – nur ging bei Apple wegen des Jet8000 noch keinem die Muffe – weil es eben ein grotten schlechtes Smartphone war.
So sah das Internet 2009 aus. Im Hintergrund: Lecker gebrannte Mandeln von 2012.
Und genau das ist aktuell mein Problem: Ich laufe mit einem Telefon herum, das zwar die Grundbedingungen eines Mobilgeräts erfüllt (telefonieren und SMS schicken), welches aber beispielsweise einen Touchscreen hat, der nicht auf Hautkontakt, sondern auf energischen Druck, am besten mit dem Fingernagel, reagiert. Mein aktuelles Telefon gehört außerdem noch zu den Samsung-Modellen, die nicht auf Android, sondern auf irgendeine Softwareeigenentwicklung gesetzt haben und sich als Sackbahnhof der Handyevolution herausstellen sollten. Außerdem stammt das Gerät noch aus einer Zeit in der Handies – im Gegensatz zu heute – klein und schick sein wollten – was deutlich auf Kosten der Bedienbarkeit geht. Große, berührungsempfindliche Displays sind zum Schreiben mit virtuellen Tastaturen eben doch besser geeignet als winzige Telefone, in die man versehentlich beim Scrollen mit dem Daumennagel Kratzer hineinpresst.
Aber das war erst mal nur die technische Seite des „kein Smartphone“-Problems. Es gibt allerdings auch die praktischen, alltäglichen, sozialen Probleme mit einem Nicht-Smartphone: Als Arbeitsgerät ist mein Handy zum Beispiel nicht zu gebrauchen. Ich kann weder vernünftige Bilder machen und diese auch nicht vernünftig in die Redaktion mailen, wenn ich als Reporter draußen bin. Sendefähige Aufsager mit dem Telefon sind nicht möglich, ebenso wenig eine vernünftige Navigation durch die Straßen der Republik.
Was ich darüber hinaus noch festgestellt habe: Mir fehlt zwar unterwegs der Komfort mal eben schnell in der Bahn-App nach einer Verbindung zu suchen, mich mit Google Maps durch die Straßen führen zu lassen oder der Nervenkitzel, eine unzureichend sicherheitsverschlüsselte WhatsApp zu schreiben. Es ist beschämender Weise aber viel eher die facebook-Abstinenz, die mich anfangs nervös gemacht hat. Wenn am Tisch alle ihre Handies auspacken und sicher wichtige Dinge tun, sitze ich daneben und frage mich still, ob ich wohl bei facebook was verpasse. Lustige Handyfotos in Soziale Netzwerke zu stellen – darauf muss ich jetzt auch verzichten, wie gemein. Tatsächlich erwische ich mich manchmal dabei, wie ich das iPhone meiner Freundin mopse, um mal kurz bei facebook reinzuschauen.
Ich hoffe also, dass amazon bald das von mir gewünscht Smartphone anbietet, damit meine Forschungsreise zurück zu den Menschen des Jahres 2009, die sich kein iPhone leisten konnten, beendet werden kann. Bis dahin freue ich mich aber noch darüber, dass mein Akku mit einer Aufladung eine ganze Woche übersteht.
Am Wochenende hatten wir Weihnachtsfeier vom Sender. Während des Essens lullte uns unerbittlich seichte Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern des Restaurants ein. Die Woche steckte mir ohnehin schon in den Knochen, die Weihnachtsgans und der Alkohol taten ihr Übriges – mir fielen fast die Augen zu. Mir wurde schlagartig klar, dass ich den Rest des Abends nur unter Zuhilfenahme von viel mehr Alkohol überstehen würde, was sicher negative Auswirkungen auf meine Leistungsfähigkeit am Folgetag hätte. Als sich dann auch noch das Horrorwichteln in unerträgliche Längen zu ziehen drohte, weil selbst der Spielleiter von den eigenen Spielregeln überfordert war, besann ich mich auf ein altes Mack’sches Partymanöver, das ich schon lang nicht mehr angewendet hatte: Den polnischen Abgang.
Für alle, denen diese Feinheit des gesellschaftlichen Umgangs vielleicht nicht bekannt ist: Mit „polnischer Abgang“ bezeichnet man das unangekündigte Verschwinden von einer Fete, ohne sich vorher zu verabschieden. Eine scheinbar sehr beliebte Form der sozialen Nicht-Interaktion, gibt es doch sogar eine eigene facebook-Fanseite für den polnischen Abgang. Dort heißt es:
Bedeutet sich heimlich davon zu machen ohne sich von anwesenden Personen verabschieden zu müssen. Die Bezeichnung des polnischen Abgangs leitet sich von der Redewendung „sich davon stehlen“ ab.
Und:
Der polnische Abgang zählt zur klassischen Risikosteuerung. Er dient der Schadensbegrenzung beim Clubbing: der Handelnde (temporärer Pole) muss sich aus gesundheitlichen Gründen dem fortgeschrittenen, hedonistischen Treiben kurzfristig entziehen. Die mentale und/oder physische Kraft, andere davon in Kenntnis zu setzen UND gar noch davon zu überzeugen, ihn NICHT von seinen Plänen abzubringen, ist äußerst risikobefangen. Der polnische Abgang ist die einzige sichere Chance, ohne erhebliche Verluste aus der Szene ‚rauszukommen.
Der polnische Abgang hilft also die Kernproblematik eines jeden Abschieds von einer Feier zu nivellieren: Das lästige „Bleib doch noch!“, „Abknicker!“ und „Warum denn jetzt schon?!“, das einem entgegenschallt, wenn man seinen Entschluss die Festivität zu verlassen versehentlich öffentlich kundtut. Lange Verabschiedungsorgien, die einen gerne schon mal den letzten Nachtbus verpassen lassen, entfallen mit dem polnischen Abgang ebenfalls. Außerdem bleibt man im Gespräch, denn alle werden sich fragen, wo man plötzlich hin ist und sprechen einen garantiert bei nächster Gelegenheit auf das mysteriöse Verschwinden an.
Hätte beispielsweise der junge, aber offensichtlich als einziger in seinem Freundeskreis berufstätige Partyhengst aus der Nivea-Werbung von den phantastischen Möglichkeiten gewusst, die so ein polnischer Abgang bietet, dann hätte er sich die 8,99 für die reanimierende Gesichtspampe schenken können:
Interessanter Weise scheint der polnische Abgang innerhalb des gesamten westlichen Abendlandes bekannt zu sein: Selbst urbandictionary.com, das Internetlexikon für englisch-sprachige Slang-Termini kennt den „polish exit„. Hier finden sich auch die sieben goldenen Regeln des perfekten polnischen Abgangs (wobei Regel fünf natürlich streng genommen keine wirkliche Regel ist…):
1. Be sneaky.
2. No guilty conscience.
3. Don’t tell anyone.
4. Take advantage of the moment.
5. An anounced polish finish is a czech finish.
6. Don’t turn around.
7. Turn off your phone.
Im altehrwürdigen Oxford Dictionary wird der polish exit allerdings als „french leave“, also „französischer Abgang“ bezeichnet. Hier findet sich übrigens auch der überaus witzige Hinweis, dass der „french leave“ im Französichen als „filer à l’Anglaise„, also „verschwinden im englischen Stil“, bekannt ist.
Ein perfekter polnischer Abgang ist mir bei der Weihnachtsfeier aber offenbar nicht geglückt: Als ich schon im Treppenhaus auf dem Weg nach unten war hörte ich die schon leicht angeschlagene Stimme eines Kollegen aus der Lautsprecheranlage eine Etage über mir säuseln: „Christian Mack verlässt das Gebäude!“