Im Zuge meines Volontariats bei Radio Bonn/Rhein-Sieg hatte ich kürzlich die Ehre, das (hoffentlich) letzte Praktikum meines Lebens ableisten zu dürfen. Zu diesem Zweck habe ich vier Wochen lang bei der Zeitung angeheuert. Weit bewegen musste ich mich hierfür nicht, denn Radio und General-Anzeiger teilen sich mittlerweile eh ein Gebäude in der Justus-von-Liebig-Straße in Bonn-Dransdorf. Vom zweiten Stock ging es also abwärts in den News-Room der Zeitung.
Im Grunde ist dieser Austausch eine gute Idee, denn Radiosender und Zeitung gehören zur gleichen Verlagsgruppe und man sollte meinen, dass heutzutage, wo Vernetzung und Multimedialität im Journalismus permanent beschworen werden, die Trennwände zwischen Zeitung und Hörfunk längst gebröckelt sein müssten. Sind sie aber nicht. Fakt ist: Ich bin der erste Radiovolontär, der als Teil seiner Ausbildung bei der Zeitung reinschaut. Immerhin war zuvor schon eine Zeitungsvolontärin als erste „Austauschschülern“ bei uns im Radio.
Kurz gesagt: Der Arbeitsalltag beim Radio läuft trotz der großen brancheninternen Debatten um trimediales Arbeiten noch ziemlich getrennt von den Zeitungskollegen. So richtig kennt man sich noch nicht, obwohl man nun seit fast drei Jahren im selben Haus Tür an Tür wohnt. Zwar wird die Arbeit des Nachbarn akribisch beäugt – auf die Idee, darüber hinaus voneinander zu profitieren ist man aber bis jetzt noch nicht so richtig gekommen. Ich will hier nicht vom Kalten Krieg der Redaktionen reden, aber manchmal kam ich mir während meines „Austauschspraktikums“ ein bisschen so vor wie ein Botschafter auf Friedens- oder zumindest Erkundungsmission.
Klassische Zeitungsarbeit mit bekannten Gesichtern 😉
Die ersten zwei Wochen habe ich „klassisch“ bei der Zeitung verbracht: Erst eine Woche am Mantel-Desk (hier entsteht der in allen Lokalausgaben gleiche Teil mit Politik, Feuilleton, Sport, Panorama etc.), dann ein paar Tage der zweiten Woche am Regio-Desk (wo sozusagen die Regionalseiten „verwaltet“ werden) und ein paar Tage „im Vorgebirge“, also in der Redaktion für Alfter, Bornheim und alles was beim GA eben zum Vorgebirge zählt. Zwar ist der General-Anzeiger hier schon fortschrittlich unterwegs, indem er das News Room-Prinzip auf die Regionalteile angewendet, trotzdem wird hier noch eher klassisch „Zeitung gemacht“.
Die nächsten zwei Wochen lernte ich dann das „Online-Produkt“ ebendieser Zeitung kennen und merkte schnell, dass hier schon ganz anders gearbeitet wird und es sich wirklich um zwei unterschiedliche Produkte mit unterschiedlichen Herangehensweisen handelt – denn Zeitungsabonnenten sind nicht gleich Online-Leser. Zwar werden am Abend eines jeden Tages die Seiten des „Printprodukts“ teilweise „ins Internet kopiert“, wodurch wieder eine Art Angleichung zwischen Print und Online stattfindet. Trotzdem konnte man in diesen beiden Wochen im Kleinen gut den schwierigen Umbruch beobachten, in dem sich das Zeitungsgeschäft grade befindet.
Ich persönlich muss gestehen: Obwohl ich die ersten zwei Wochen „klassischer Zeitung“ alles andere als uninteressant fand, hat mich der Online-Journalismus, den ich mir auch mehr im Radio-Bereich wünschen würde, mehr gepackt. Zwar ist der GA durch seine etwas altertümliche Website ein wenig gehandicapt, trotzdem fand ich die Möglichkeiten, die Tools wie der Datawrapper, Storify oder die sicher noch etwas ausbaufähige Nutzung von sozialen Netzwerken bieten, überaus spannend.
Ebenfalls erfrischend war der Umstand, dass ich als Radiovolo mit Filmambitionen ermuntert wurde, mich trimedial auszutoben. Sei es durchs Erstellen von Bildstrecken oder Videoproduktionen, die allesamt einen Online-Mehrwert über den klassischen Zeitungscontent hinaus bieten sollten.
Neben komplett aus einer Hand (nämlich meiner) produzierten Videobeiträge, die man auch hier noch mal anschauen kann, bestand eine weitere spaßige Aufgabe darin, einen Text „mit multimedialer Ausrichtung“ zu Telefonschleifen von Bonner Unternehmen zu machen. In der Umsetzung war ich relativ frei – es sollten hier nur Fähigkeiten aus der Radioarbeit mit einfließen.
Und so entstand ein Artikel, der so sicher nicht ins „klassische“ Printprodukt des GA kommen würde, aber vielleicht auch im Online-Angebot des GA etwas aus dem Rahmen fällt. Einem Psychologen aus Münster, von dem ich auf Grund von vorheriger Zusammenarbeit wusste, dass er für jeden Spaß zu haben ist, setzte ich also Telefonwarteschleifen von Bonner Firmen, Behörden und Organisationen wie dem Bildungsministerium über Haribo, dem Bürgertelefon der Stadt, Solarworld bis Vapiano vor und ließ diese auf ihre Außenwirkung hin von ihm überprüfen.
Nicht der Klick-Hit des Jahrhunderts, dafür aber ein spaßiges „Multimediaprojekt“: Mein Warteschleifen-Artikel.
Vorher mussten natürlich all diese Warteschleifen angerufen werden, was aus dem Studio von Radio Bonn/Rhein-Sieg aus passierte und sich als irre witzige Aufgabe herausstellte. Ungefähr 30 Mal musste ich verschiedenen Telefonisten/-innen erklären, warum ich lieber mit ihren Warteschleifen verbunden werden wollte, anstatt mit ihnen zu sprechen. Manche wussten überhaupt nicht, ob ihre Firma überhaupt eine Warteschelife hat oder wie sie mich da hineinstellen sollten. Um sich zu erkundigen stellten sie mich – ohne es selbst zu realisieren – in die Warteschleife, nur um mir im Anschluss zu erklären, dass sie nicht wüssten, wie sie mich in die Warteschleife schicken könnten.
Und wie so oft im Leben: Wenn man etwas möchte bekommt man es nicht, wenn man es nicht möchte, bekommt man es erst recht. So lief es auch bei der Post-Servicehotline: Anstatt der Warteschleife, die man als Postkunde ja fast schon erwartet, ging sofort eine freundliche Mitarbeiterin ans Rohr, die untröstlich war, dass sie nicht wieder zurück in die Warteschleife verbinden könne – das ginge technisch bei der Post gar nicht. Sie entschuldigte sich quasi, sofort ans Telefon gegangen zu sein und riet mir sogar, am nächsten Tag noch einmal zwischen 14 und 15 Uhr anzurufen – da wäre vermutlich mehr Andrang und die Chance auf längeren Genuss der Warteschleife höher.
Auch wenn der fertige Artikel über die Warteschleifen inklusive eingebundener Hörbeispiele am Ende logischer Weise nicht der Klick-Hit des Jahrhunderts war, hat die Arbeit an ihm doch auf eine erfrischende Weise Freude bereitet! Fast bin ich jetzt ein bisschen traurig, in meinen Sender zurückzukehren und mich wieder hinter die in den vier Wochen durchlässig gewordene Trennwand zwischen Print, Hörfunk und Online zu begeben.[soundcloud id=’135142549′]
Kaum zu glauben, wie schwer es ist, mit einer Telefonwarteschliefe verbunden zu werden! (Hier am Beispiel des Vapiano)
Es soll ja Menschen geben, die von ihrem Job nicht ausgelastet sind. Oder nicht erfüllt. Oder gar unglücklich, mit dem was sie tun. Oder alles zusammen. Im Idealfall suchen diese Menschen sich dann eine Art Kompensationshandlung. Malen, sammeln Briefmarken, gehen in den Puff oder schaffen sich einen Hund an. Im schlimmsten Fall resignieren sie und werden faul und frustriert.
Es gibt aber auch Menschen, die sind im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, was sie beruflich machen. Und trotzdem machen sie nach Feierabend was völlig anderes. Sozusagen als Kontrastprogramm. Als Ausgleich. Zur Entspannung.
Meine Freundin fotografiert. Als Ausgleich. Eigentlich verdient sie als Wirtschaftsinformatikerin ihr Geld. Was sie da genau macht, weiß ich bis heute nicht so recht. Es liegt nicht daran, dass es mich nicht interessieren würde – denn das tut es, ich habe sie auch schon oft genug danach gefragt. Und sie hat es auch jedes Mal beantwortet. Dass ich es nicht so genau weiß liegt wohl eher daran, dass ich es einfach nicht kapiere. Ist halt nicht so meine Welt. Zahlen. Informatik. Wirtschaft.
Was ich gut kapiere, ist das mit der Fotografie. Das macht sie schon lange und sie macht das mittlerweile auch verdammt gut (nicht, dass es mal schlecht war, aber sie wird immer besser und besser). Portraits, Hochzeitsreportagen, Bewerbungsbilder, Akt – in jedem Fall Menschen, bloß keine Stillleben. Ok, auch gerne mal ein Hund oder ein süßes Küken. Das alles kann man auf ihrer Homepage bewundern.
Da sie ihre Fotografie als Nebenberuf mit Steuernummer und Eintrag bei der Handwerkskammer sehr seriös betreibt, hab ich mich irgendwann gefragt: Ist das noch der Ausgleich zur eigentlichen Arbeit oder schon ein zweiter Job? Ist das also noch Spaß oder Ernst?
Fotografin am „Tatort“ ihres Projekts
Vielleicht hat sie sich das selber auch gefragt, denn seit einiger Zeit hat sie sich mit der Idee zu einem Projekt getragen, dass sie irgendwann mal ausstellen will. So richtig in einer Galerie, mit Bilderrahmen an der Wand, mit Vernissage, Sekt und Häppchen, Küsschen links, Küsschen rechts, Artikel in der Zeitung und so. Ich muss gestehen: Eine Zeitlang habe ich nicht mehr dran geglaubt, dass aus dem Traum Realität wird, dass sie es wirklich tut. Denn zwei Jobs sind ja eigentlich genug. Dann noch ein weiteres Fotoprojekt, an dem sie kein Geld verdient? Willst Du das wirklich, Bea?
Ja, sie wollte und tat es auch: Ihr nicht-kommerzielles Fotoprojekt, dass zwar Zeit kostet, dafür aber kein Geld bringt, ist Wirklichkeit geworden. Gesichter Bonns heißt es. Es gibt es bei twitter, facebook, youtube, als App und seit kurzem auch bei tumblr. Wo nimmt sie die Zeit dafür her?
Es muss daran liegen, dass sie es will. Dass es ein Herzensprojekt ist. Etwas, was sie tun möchte. Und wenn man den Wunsch hat etwas zu machen, etwas zu ändern, etwas Neues zu schaffen – dann sollte man es ganz einfach tun. Klingt bestechend einfach, trotzdem gelingt es den wenigsten. Einfach mal auf’s Herz hören und tun, was man für richtig hält.
In ihrem Fall ist das eine Liebeserklärung an die Stadt, in der wir mittlerweile zusammen leben: Bonn. Ihr Ziel: Die Vielfältigkeit Bonns zu zeigen. Anhand der Menschen, der Gesichter, die hier wohnen, leben, arbeiten. Ein Studiobild, schwarz-weiß. Ein Bild am Lieblingsort der Person, in Farbe. Eine Kombination aus intimer Nähe zu einem Mitbürger und der Stadt, die ihn umgibt. Lokal, persönlich, interessant. Was schätzen die Bonner an ihrer Stadt? Was hat sie hier her verschlagen? Was ist für sie Bonn? Wo fühlen sie sich wohl? Und vor allem: Warum? Aber vielleicht kann Bea das viel besser erklären als ich. Sie hat es jedenfalls sehr schön in einem Fotografie-Blog gemacht, bei kwerfeldein.
Was seither geschehen ist, ist verblüffend. Wir beide wachsen an diesem Projekt. Machen interessante Bekanntschaften, lernen auch die eigene Stadt noch einmal anders kennen. Denn ich bin längst Teil des Projekts. Nicht nur als dankbares Opfer zum Licht-Einstellen, wenn aus unserem Wohnzimmer wieder mal das Fotostudio wird. Ich war auch das erste Gesicht Bonns, denn man brauchte ja auch eine Vorlage, um andere von der Idee zu überzeugen, als noch keiner mitgemacht hatte. Bei den meisten Shootings bin ich außerdem dabei. Das war ich auch vor dem Projekt schon recht regelmäßig. Aber irgendwie hat dieses nicht-kommerzielle Unternehmen eine andere Qualität des Freiwilligendienstes.
Nach Jahren des passiven Konsums das erste eigene Video auf youtube. Natürlich was mit Tieren. Die Leute wollen das!
Was haben wir schon alles erlebt: Unser Wohnzimmer war voll mit Gesichtern Bonns. Noch wenige Minuten vorher wildfremde Menschen, von denen man nur durch eine Email und der darin enthaltenen Aussage „Ich will mitmachen bei Deinem Projekt!“ eine vage Vorstellung hatte. Ein Sammeltermin für Studiobilder, denn ein Projekt neben Job und Nebenjob will gut organisiert sein. Geplant war, dass jeder Teilnehmer fotografiert wird und dann wieder geht. Nicht aus mangelnder Gastfreundschaft, sondern aus Effektivitätsgründen. Rund 10 Leute, die nicht nur die Gastgeber nicht kannten, sondern sich auch untereinander noch nie gesehen hatten, blieben aber einfach da. Volle Hütte, gute Laune, eine Gemeinsamkeit: Die Liebe zu Bonn. Ich muss gestehen, dass ich damals einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt habe, einen Kasten Bier ins Wohnzimmer zu stellen, so sehr hatte dieser Fototermin die Dynamik einer guten WG-Fete angenommen.
Nicht weniger nett und umgänglich waren bisher auch die so genannten Promis, von denen es in Bonn tatsächlich auch ein paar gibt. Ein Nachmittag mit Bernhard Hoecker gehörte ebenso dazu wie ein Treffen mit dem „Alle-mal-malen-Mann“ oder anderen so genannten Kulturschaffenden Bonns. Und wenn ich so drüber nachdenke, dann steht das gesamte Projekt – trotz allem was wir schon damit erlebt haben – immer noch ziemlich am Anfang. Ohne zu viel verraten zu wollen: Da kommen noch ein paar Knaller, keine Sorge!
Was ich für mich außerdem feststelle: Ich habe den Traum meiner Freundin genutzt, um selber Dinge in die Tat umzusetzen, die mich unbewusst schon länger umgetrieben haben. Ich als Journalist konnte bisher „nur“ texten und Geschichten im Radio erzählen. Die Gesichter Bonns habe ich nun endlich dazu genutzt, mich ans Bewegtbild ranzuwagen. Wollte ich schon irgendwie seit längerem, aber ich war dann doch immer irgendwie zu bequem, mich auf Neuland zu wagen. Beas Projekt hat mich also nun dazu bewogen, youtube nicht mehr so zu nutzen wie 90 Prozent der User, also die Plattform nur passiv als Abspielstation zu konsumieren, sondern selber mal Content zu produzieren! Ist sicher noch ausbaufähig, aber hey: Horizont erweitert.
Vielleicht sind Träume also ansteckend. Und vielleicht sollte man diese Infektion einfach zulassen. Denn Wachstum zieht neues Wachstum nach sich.
Mein erstes „professionelles“ Video. Darauf lässt sich aufbauen! 😉
„B.o.n.n. – Bundesstadt ohne nennenswertes Nachtleben.“
„Das schönste am Bonner Wochenende ist Köln.“
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Solche Vorurteile ist man gewohnt hier in Bonn. Wir, die wir hier leben, kennen sie alle. Bonn, die Provinz. Bonn, das Bundesdorf, in dem nix los ist. Das war zu Hauptstadtzeiten schon so und es hat sich erst recht seit dem Wegzug der Regierung nicht geändert. Die beiden Zitate von oben habe ich besonders oft während meines Studiums gehört. Damals, als man noch feiern ging. Alle, die in Köln wohnten, ließen sich nie dazu erbarmen mal zum Feiern oder „einen trinken gehen“ nach Bonn zu kommen, erwarteten aber im Gegenzug, dass – wenn gefeiert oder getrunken wurde – dies stets in Köln zu geschehen hatte.
Entweder nimmt mit zunehmendem Alter bei mir die regionale Identifikation zu oder Bonn ist in den letzten Jahren wirklich bunter und kulturell vielfältiger geworden. Jedenfalls empfinde ich Bonn persönlich schon länger nicht mehr als so provinziell, wie es mir zu Studienzeiten tatsächlich einmal vorkam. In Bonn gibt es mittlerweile viele junge und kreative Köpfe, die das kulturelle Angebot erweitern und vervielfältigen.
Trotzdem gibt es gewisse avantgardistische Bereiche, die man nicht automatisch mit Bonn verbindet und (auch als Journalist) erst einmal in Köln vermutet, wenn man in der Umgebung danach sucht. Die Streetart ist da so ein Beispiel.
Dabei gibt es in Bonn zwei phantastische Vertreter dieser Kunst: dropix und 1zwo3. Ich weiß gar nicht wann und wie ich über die beiden gestolpert bin. Vielleicht hab ich einen der beiden bei facebook gesehen, vielleicht hab ich ihre kreativen Ergüsse auch da erblickt, wo sie wahrgenommen werden wollen: Auf der Straße.
Ich weiß nur, dass ich die Kunstform, die beide gewählt haben, von Anfang an cool fand: Paste-Ups – das sind sozusagen geklebte Graffiti. Ein Motiv wird erdacht, zu Hause auf eine Art Plakat gemalt und dann irgendwo im Straßenbild mit Kleister an die Wand gebracht. Gegner der Streetart, die auch Graffiti per se als Sachbeschädigung ansehen, könnte man Paste-Ups also vielleicht als „Vandalismus light“ verkaufen. Denn das Gute aus Sicht von Spießern und Kunstbanausen ist: Paste-Ups sind vergänglich und überstehen meist nicht mal einen mittelprächtigen Regenschauer.
Im Sommer habe ich die beiden Paste-Up-Jungs persönlich kennen gelernt. Damals habe ich einen Beitrag zu Paste-Ups für Radio Bonn/Rhein-Sieg gemacht (der Webartikel hierzu ist leider der Neugestaltung der Sender-Website zum Opfer gefallen und hat nur in Screenshot-Form überlebt). Zwar legen dropix und 1zwo3 Wert auf Anonymität, trotzdem kann ich verraten: Beide sind „so um die 30“ und betreiben ihre Street Art sozusagen aus Gründen der Entspannung. Denn beide kommen beruflich aus „Richtung Grafikdesign“ und leben nach Feierabend an Bonns Häuserwänden ihre Kreativität aus, die bei der Alltagsarbeit oft auf der Strecke bleibt (ähnliches tue ich ja mit meinem Blog hier auch, insofern waren mir die beiden gleich sympathisch).
Die Chance, dass man in Bonn an irgendeiner Häuserwand, einem Stromkasten oder einem Brückenpfeiler schon mal ein Paste-Up der beiden gesehen hat, dürften recht hoch sein. Beide verbindet nicht nur die Kunstform Paste-Up, sondern auch Gemeinsamkeiten bei der Motivwahl: Oft stehen nämlich Comic- oder Tierfiguren im Vordergrund und erzählen cartoonartig eine absurde Geschichte. Bei aller Ähnlichkeit gibt es aber einen gravierenden Unterschied: 1zwo3 zeichnet per Hand (Edding), dropix mit digitalen Tools und setzt dabei auch häufiger Farbe ein. Als „Demarkationslinie“ dient den beiden die Oxfordstraße: dropix Motive sind eher in der Altstadt Bonns zu finden, 1zwo3 klebt eher in der Innenstadt oder am Rhein. All das haben mir beide damals gemütlich auf einer kleinen Spielplatzbank (s. Titelbild oben) erzählt.
Mit dabei beim Radiointerview war auch meine Freundin, die sich schon damals sehr intensiv mit ihrem Foto-Projekt Gesichter Bonns auseinander gesetzt hatte. Auf der Suche nach Bonnern, die für die Stadt stehen, schienen die beiden Streetart-Jungs ja tatsächlich bestens geeignet und mittlerweile ist zumindest 1zwo3 schon ein Gesicht Bonns geworden.
1zwo3 hatte außerdem zu dieser Zeit eine Ausstellung in der Fabrik 45, in der er seine Paste-Ups mal nicht im Straßenbild, sondern klassisch im Bilderrahmen zeigen wollte. Natürlich haben meine Freundin und ich uns diese Ausstellung dann angeschaut. In ein Paste-Up, bei dem Mäuse vor einem Fernseher sitzen und Mickey Mouse schauen, habe ich mich damals ein wenig verliebt und mittlerweile hängt dieses Werk neben anderen „echten 1zwo3s“ bei uns in der Wohnung.
Aber auch dropix hat sozusagen Spuren in meinem Leben hinterlassen: Das Logo für diese Website links oben über der Navigation entspringt seiner digitalen Feder und spätestens das hat mich schließlich dazu veranlasst, über Bonns Posterboys zu bloggen. Denn Bonn ist – zumindest was die Streetart-Spielart Paste-Ups angeht – dank dropix und 1zwo3 keine Provinz mehr.
Also, liebe Bonner, aber auch liebe Erdenbürger: Nehmt euch ein Beispiel und tut was! Für euch, eure eigene Kreativität oder gleich für die ganze Kulturlandschaft um euch herum. Den Schlusssatz, den ich extra noch mal aus meinem Audioarchiv gepuhlt habe, überlass ich deshalb dropix: „Ich fänd’s schön, wenn noch mehr Leute den Mut haben würden, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und das auch mal der Öffentlichkeit zu zeigen!“
Wir schreiben das Jahr 2013. Deutschland, Bildungsstandort und eine der erfolgreichsten Industrienationen der Welt, steht kurz vor der Bundestagswahl. Und was sind die entscheidenden Themen des Wahlkampfes? Schlandkette, Stinkefinger und Veggie-Day. Wobei: Für die Idee des Veggie-Day bin ich den Grünen echt dankbar, auch wenn sie sich selbst damit keinen Gefallen getan haben. Trotzdem hat die Partei damit einen Veränderung in den Essgewohnheiten mancher Menschen aufgegriffen, die zumindest schon in den Städten der Republik spürbar ist. Zumindest stelle ich fest: In meinem Freundeskreis nimmt die Anzahl derer zu, die sich über ihre Ernährung Gedanken machen.
Außerdem bin auch ich direkt „betroffen“: Meine Freundin hat nach dem letzten Urlaub auf Texel, dem Eiland der kulleräugig-knuffeligen Lämmlein, ihren Fleischkonsum aus Mitleid gegenüber den Tieren weitestgehend eingestellt, „was mich auch zu so ’ner Art Vegetarier macht.“ Das Ganze war allerdings ein schleichender Prozess. Ich denke einen gewissen Anteil an ihrer Entscheidung hatte auch ein befreundetes Pärchen, das nicht nur vegetarisch, sondern vegan lebt – also nicht nur kein Fleisch isst, sondern auch all das, was vom Tier kommt, wie Butter, Eier, Milch, tierisches Fett oder Sahne, ablehnt.
An dieser Stelle möchte ich – möglichst frühzeitig in diesem Artikel – Farbe bekennen, damit mich Vegetarier schon mal mit Eiern bewerfen können (Veganer greifen bitte zur Wahrung der Glaubwürdigkeit auf die Variante „faules Gemüse“ zurück): Ja, ich esse Fleisch. Wegen des Geschmacks. Ich mag Fleisch. Und: Mir ist klar, dass für das Fleisch auf meinem Teller ein Tier sterben musste.
Erweckungserlebnis: Madame wird Vegetarierin.
Mit dieser letzten Erkenntnis unterscheide ich mich allerdings nach einer nicht repräsentativen Erhebung meinerseits, die lediglich auf meinem Buchgefühl und nix anderem beruht, von 94,3 Prozent der Fleischfans um mich herum. Denn wir leben tatsächlich in einer Gesellschaft, in der das unkritische Verputzen großer Mengen Fleisch soziale Norm ist. Das stelle ich wertfrei fest, denn zu einem gewissen Teil haben sich unsere Großeltern das Recht auf einen reich gedeckten Tisch in Wirtschaftswunderland ja auch redlich verdient, nachdem sie unser schönes Deutschland erst eigenhändig abgerissen und anschließend unter Entbehrungen wieder aufgebaut hatten.
Schlagt einen beliebigen Prospekt eines Discounters eures Misstrauens auf: Die Chancen, dass sich darin eine Doppelseite mit Wurst- und Fleischwaren aus der Aktionstheke findet, in der optisch die Farbe Rot dominiert, sind exorbitant hoch. Auch ich als Fleischbefürworter muss gestehen: Wirklich ansprechend lässt sich rohes Fleisch nicht fotografieren, egal wie viele Kräuter und Gemüse man danebenlegt.
Ich persönlich habe fränkische Wurzeln und bin mit der fränkischen Wurstvielfalt und der fleischlastigen Küche der Franken und Bayern bestens vertraut. Aber wenigstens erkennt man bei denen Fleisch noch als das, was es ja nun mal letztendlich ist: Geschlachtetes Tier. Wirft man noch einmal einen Blick in besagten Prospekt des Discounters, findet man auch viele Produkte, die Fleisch sind, sich aber alle Mühe geben, nicht als solches erkannt zu werden. Ich glaube, dass tatsächliche viele meiner Freunde gar nicht mehr merken, dass sie sich schon morgens häufig Fleischprodukte aufs Brot legen oder streichen. But don’t call it a Schnitzel!
Auf spiegel.de habe ich mal ein interessantes Interview mit einer amerikanischen Sozialpsychologin gelesen, in dem sie das System hinter dem täglichen Fleischkonsum als eine „gewalttätige Ideologie“ bezeichnet und es „Karnismus“ nennt. Mir persönlich sind diese Ansichten zu radikal. Dass tägliches Fleischessen eine soziale Norm ist, die nicht nur nicht hinterfragt, sondern auch verbissen verteidigt wird, habe ich allerdings selber schon mehrfach festgestellt. Zuletzt als meine Freundin in einem thüringer Restaurant mit eigener Schlachterei vergeblich ein warmes Essen ohne Fleisch auf der Karte suchte und dann ein „Bauernfrühstück“ ohne Speck zu bestellen versuchte. Reaktion der Kellnerin: Nach ungläubigem Glotzen, die herrlichen Worte: „Mal gucken, ob das klappt…“ Eigentlich hätte man ihr hier aufmunternd die Hand auf den Arm legen, ihr dabei tief in die Augen schauen und entgegnen sollen: „Ja, das klappt schon. Ihr Koch muss nur beim Zubereiten der Kartoffeln vermeiden, Speck mit in die Pfanne zu hauen – ich bin sicher, dass er diesen Reflex mit ein wenig gutem Willen zu unterdrücken im Stande ist, wenn Sie es schaffen, diese Bestellung – genau wie gewünscht – aufzunehmen!“ Und was soll ich sagen? Oh Wunder, es hat selbst ohne diese Worte funktioniert.
Willkürlich ausgewählter Auszug aus einem Discounter-Prospekt, in diesem Falle HIT. Bekommt da irgendwer Bock auf Schnitzel?
Ein letztes Beispiel für gedankenlosen Fleischkonsum möchte ich aber noch anführen: Des Deutschen liebster Sport, das ur-männliche Grillen. Was sich da – auch in meinem Freundeskreis – an Schlachtabfällen fertig verpackt in neongelber oder -grüner Sauce auf den Rost gehauen wird, geht auf keine Kuhhaut. Unsachgemäß zerlegtes Tier, bestehend aus Sehnen und Fett, in Industriepampe ersäuft und für einen Kilopreis, der eigentlich nichts Gutes erahnen lässt, wird dann bis zur Unkenntlichkeit zergrillt, so dass das „Grillgut“ am Ende nur noch durch einen DNA-Test von der verwendeten Grillkohle unterschieden werden kann.
Spätestens hier kann man eigentlich nur Vegetarier werden, oder sich Gedanken über die Quanti- und vor allem Qualität des eigenes Fleischkonsums machen. Ich habe genau das getan. Wenn ich grille, ist das ein seltenes Ereignis. Das liegt zum einen daran, dass ich keinen Bock habe, den Rost zu schrubben und zum anderen basiert es auf meiner Überzeugung, dass nicht täglich Fleisch auf der Speisekarte stehen muss. Daraus habe ich zwei Schlüsse gezogen: Erstens habe ich mir einen nicht ganz günstigen Kugelgrill besorgt, denn ich liebe das Zubereiten von Speisen und möchte ein gutes Ergebnis erzielen (übrigens kann man da auch Gemüse drauf legen). Zweitens: Ich kaufe mir beim Schlachter ein teures Stück Fleisch, denn wenn ich mir schon eine seltene Freude hiermit mache, dann darf es auch etwas kosten. Ich möchte hier nicht die Diskussion aufmachen, ob Bio-Fleisch jetzt gut oder schlecht ist, aber wenn ich nicht dauernd das billigste Fleisch aus dem Supermarkt kaufe, unterstütze ich wenigstens nicht die Preistreiberei der Fleischindustrie. Denn ein ganzes Tiefkühlhuhn sollte meiner Meinung nach nicht billiger sein als eine Thunfischpizza.
Wofür ich also werbe ist ein bewussterer Umgang mit dem, was wir täglich in uns rein schaufeln. Welche Schlüsse ihr für euch dann daraus zieht, ist mir schnurzpiepegal. Ich möchte keinem ins Essen hineinreden – weder Fleischfans, Vegetariern oder Veganern. Trotzdem helfen – glaube ich – krasse Aktionen, wie die von Starkoch Jamie Oliver, als er live vor Publikum Küken vergast hat, dabei zu verstehen, woher unsere Nahrung eigentlich kommt. Der hohe Grad von Arbeitsteilung und Industriealisierung hat uns nämlich offenbar ganz schön weit von dem entfernt, was eigentlich neben Atmen unser erstes Grundbedürfnis ist: Essen und Trinken.
Daher danke ich den Grünen, dass sie den Veggie-Day-Shitstorm zum Preis einer heftigen Fleischwunde auf sich gezogen haben. Vielleicht wähl‘ ich aber auch die Schlandkette oder den Stinkefinger, mal schauen.
Nürnberg Ende 1968: Sechs Kerle, grade dem Teenager-Alter entwachsen, nehmen unter abenteuerlichen Bedingungen in einer ehemaligen Baracke des Reichsarbeitsdienstes ein Demoband auf. Einer dieser Kerle: Mein Vater. Was sie da aufnehmen ist ein bis dahin nie gehörter Sound: Rockmusik mit deutschen Texten. Zu jener Zeit gehörte die deutsche Sprache nämlich wie selbstverständlich dem Schlager. Denn gerockt wurde auch in Deutschland ausschließlich auf Englisch. Gut ein Jahr später, im Sommer 1969, kommt eine LP auf den Markt, auf der sich fast alle Lieder des Demobands wieder finden. Die Band nennt sich mit Veröffentlichung des Albums „Ihre Kinder“ und hat nun sozusagen auch offiziell den Deutschrock erfunden. Mein Vater war da schon nicht mehr Teil der Band.
Zwei Dinge muss man sich aus heutiger Sicht klar machen: 1. Mit Rockmusik konnte man zu jener Zeit das so genannte „Establishment“ im Mark erschüttern. Wer lange Haare hatte und Rockmusiker war, war mindestens ein verdächtiges Subjekt. 2. Heute, nach gefühlten Jahrhunderten mit Lindenberg, Ton Steine Scherben (Rio Reiser), Kraftwerk, Falco, Westernhagen, Ärzten, Hosen und Grönemeyer, Selig, Helden und Tocotronic, Sido und Jan Delay ist es kaum vorstellbar, dass es mal ein Zeit gegeben haben soll, in der Rock- und Popmusik mit deutschen Texten unentdecktes Neuland war, das erst mühevoll erobert werden musste.
Hier wurden die Demos der „Proto-Kinder“ aufgenommen: RAD-Baracken in Nürnberg.
Doch zurück ins Jahr 1968, zurück in die alte Baracke, zurück also nach Nürnberg. Warum sollte ausgerechnet hier in der Provinz die Keimzelle des Deutschrock gewesen sein, in der sich der Sound der Zukunft entwickelt hat? Musikalische Avantgarde verbindet man heute schließlich eher mit Hamburg oder Berlin, auf keinen Fall aber mit Nürnberg. Von meinem Vater weiß ich aber, dass er als Jugendlicher in Nürnberg in verschiedenen Bands gespielt hat. Damals, Mitte der Sechziger, gab es eine regelrechte Beat-Szene in dieser Stadt. Nürnberg war als ehemalige „Stadt der Reichsparteitage“ Teil der amerikanischen Besatzungszone und voller G.I.s, die natürlich gerne Abends in den Clubs englischsprachige Musik gehört haben. Meine Oma sagt heute noch, dass mein Vater damals „bei die Ami Musik gespielt“ hat. Anscheinend hatte sie aber keine Probleme damit. Aber natürlich nicht nur um bei den „Amis“ Geld zu verdienen, wurde damals auf Englisch gesungen – das Lebensgefühl und somit auch der Soundtrack einer ganzen Generation war englisch und hatte entweder den Stempel UK oder US.
Dass mein Vater Zeuge und im Grunde auch Mitgestalter einer so spannenden Zeit war, einer Zeit, in der er – wenn auch nur für einen Moment – der Großvater von Cro oder Philipp Poisel war, das hat er eigentlich nie erwähnt. Vielleicht war er dafür einfach zu bescheiden oder es war ihm schlichtweg nicht ganz klar. Ich erinnere mich nur, dass er mal erzählt hatte, dass er in einer Band war, die später ein Album rausgebracht hätte. Ich hab nie genau nachgefragt, er hielt es wohl auch nicht für so wichtig. Und wie das halt so ist: Man interessiert sich immer erst für gewisse Dinge, wenn es zu spät ist. Mein Vater ist tot, ich kann ihn nicht mehr fragen und ich hätte die Sache mit seiner frühen musikalischen „Karriere“ auch nicht weiter verfolgt, wenn ich in seinen Sachen nicht eine gebrannte CD mit der Aufschrift „Ihre Kinder – First Demos“ gefunden hätte.
In der CD-Hülle: Der Name und die Anschrift eines mir Unbekannten, notiert in der Handschrift meines toten Vaters. Außerdem fand sich in Papas Aktenschrank eine kleine Sammlung von Zeitungsausschnitten über seine Jugendbands, darunter auch Ausschnitte über „Ihre Kinder“. Diese Sammlung reichte weit über die Zeit hinaus, in der er selbst Teil der Band war. Die Geschichte der „Kinder“ scheint ihn also weit über sein Mitwirken hinaus interessiert zu haben. Nachdem ich mich dann erst mal über „Ihre Kinder“ schlau gemacht hatte und auch auf den einestages-Artikel des spiegel gestoßen war, in der die Band als die „Großväter des Deutschrock“ geadelt werden, war meine Neugierde endgültig geweckt: Ich beschloss den geheimnisvollen Unbekannten aus der CD-Hülle ausfindig zu machen.
Mit etwas Grips und den Möglichkeiten des Internets war es relativ leicht, die Telefonnummer des Unbekannten herauszufinden: Es stellte sich heraus, dass mein alter Herr noch kurz vor seinem Tod mit einem Musikliebhaber/-sammler in Kontakt stand, der Erinnerungen über die damalige Beat- und Rockszene rund um Nürnberg zusammen getragen hatte. Mein Vater hatte ihm Bildmaterial aus seinem privaten Jugend-Fotoalbum zur Verfügung gestellt und auch das Demoband der „Kinder“, das dieser dann schließlich auf CD gezogen hatte. Das 1/4 Zoll-Originaltonband musste also noch irgendwo sein und tatsächlich habe ich es schließlich auf einem alten sowjetischen Tonbandgerät auf dem Dachboden meines Elternhauses wieder gefunden. So war es mir möglich dieses einzigartige Tondokument mit wohlwollender Hilfe eines lieben Kollegen und etwas digitaler Nachbearbeitung meinerseits wieder zum Vorschein zu bringen.
Die Qualität meiner Bandkopie übertraf die Qualität der gebrannten CD um Längen und obwohl ich noch nicht einordnen konnte, was genau ich da eigentlich wieder hörbar gemacht hatte, war ich beeindruckt von dem Material: Mit welcher erstaunlichen musikalischen Reife sich die Band Anfang ihrer Zwanziger im Repertoire von Rock, Jazz, Folk und Blues bediente und auskannte und sich gleichzeitig abmühte eine eigene Sprache zu finden, nötigt mir immer noch großen Respekt ab. Ich beschloss mir die Platten der „Kinder“ über amazon zu besorgen und begann meine Entdeckungsreise mit dem offiziellen Debut der Band „…ihre kinder“.
Von den zwölf Liedern der Debut-LP waren bereits zehn auf dem Demotape zu hören („Mädchen“, „Kinderspiel“, „Madame“, „Hallo, Sie“, „Der Clown“, „Schwarzer Engel“, „Wenn Liebe das ist“, „Palstiki und Plastika“). Vielleicht interessanter sind aber die fünf Titel, die es später nicht auf eine offizielle „Kinder“-Veröffentlichung geschafft haben: „Morgens“, „Wo gehst Du hin?“, „Denn er ließ sie einfach steh’n“, „Di Da Du, der Flötenspieler“, „Wenn es sowas auch vielleicht nicht gibt“. Vielleicht waren auf dem Tape sogar noch mehr Lieder – gegen Ende der Demoaufnahmen ist das Band nämlich einmal überspielt worden – zu hören ist dann plötzlich „Get Back“ von den Beatles.
Spätestens jetzt war ich mehr als bereit herauszufinden, wer von der Urbesetzung der „Kinder“ noch am leben war und Auskunft geben konnte über das was ich da gehört hatte. Da mir auf Grund der Geschichte meines Vaters zu diesem Zeitpunkt schon klar war, dass die Urbesetzung der „Kinder“ sich nicht mit der Bandbesetzung bei Erscheinen der ersten LP deckte und dass bei Wikipedia unter dem Stichpunkt „Gründungsmitglieder“ eh nur unzutreffende Mutmaßungen stehen, stand meine Detektivarbeit vor einem frühen Scheitern. Hilfe kam aber zum Glück von meinem toten Papa selbst: Er hatte – wohl noch in seinen letzten Lebensjahren – die Bandfotos in seinem Fotoalbum mit Zetteln versehen, auf denen die Namen der fotografierten Personen zu lesen sind.
„Empire State Building“, aus denen später „Ihre Kinder“ hervorgingen: Kalle Mack (hinten links), Peter Schmidt, Sonny Hennig, Charly Mäder, Walti Schneider (vorne links), Muck Groh
Mit ein bisschen Recherche, von der ich gleich noch etwas näher berichten möchte, fand ich folgendes heraus: Anders als bei Wikipedia zu lesen ist, gingen die „Kinder“ Ende 67/Anfang 68 aus der Soulband „Empire State Building“ hervor. Damals schon (neben Papa) an Bord: Sonny Hennig, Muck Groh, Walti Schneider. Diese drei sind der Kern der „Kinder“ und auch auf der Debut-LP dabei. Dazu kamen ab diesem Zeitpunkt noch Olders Frenzel, Georgie Meyer und Judith Brigger. Ernst Schultz, der ebenfalls für die Entwicklung der „Kinder“ wichtig war, kam erst ab der zweiten LP „Leere Hände“ dazu. Hennig und Schultz kannten sich aber vorher schon durch ihre Band „Jonah & The Whales„, bei der auch Kinder-Produzent und -Mäzen Jonas Porst schon mitmischte.
Daher nehme ich an, dass folgende Personen an den „Kinder-„Demobänder beteiligt waren: Sonny Hennig, Walti Schneider, Muck Groh, Charly Mäder, Peter Schmidt und Kalle Mack. Ein im Internet aufrufbarer Auszug über die „Kinder“ aus dem 1996 erschienenen Buch „Cosmic Dreams at Play – A guide to German Progressive and Electronic Rock“ scheint das auch weitestgehend zu bestätigen:
(…) in 1968, Jonas Porst and Sonny Hennig decided to form a new group with Muck Groh (guitar), Karl Mack (bass), Peter Schmidt (drums) and Georgie Meyer (flute, vocals). Ihre Kinder was to be a politically aware band using German lyrics. (…) Several demo tapes were recorded but no record companies were interested. In July – August 1969 an album was recorded at the Dierks Studio at the band’s own risk; and was eventually released by Phillips. Mack had now been replaced by Walti Schneider (bass). A female vocalist, Judith Brigger, also took part in this project.
Und mit diesem kleinen Bogen über die Bandgeschichte komme ich zurück zu meiner Suche nach der musikalischen Vergangenheit meines Papas: Wenn jemand etwas zu den Demobänder und zur frühen Bandgeschichte der „Kinder“ sagen konnte, dann waren es – natürlich – die Gründungsmitglieder bzw. die Musiker des Demobandes. Walti Schneider war – wie mein Vater – bereits verstorben. Muck Groh hat meine schriftlichen Anfragen nie beantwortet.
Mit wem ich tatsächlich schriftlich und dann auch telefonisch in angenehmen Kontakt gekommen bin ist Sonny Hennig. Heute hat er mit Musik „nur“ noch im Radio zu tun: Er sendet in Nürnberg bei Radio Gong mit „Rock Zock Reloaded“ eine eigene Musikshow. Nach den „Kindern“ hat sich Sonny (offenbar schwer unter dem Einfluss von AFN) eine zweite Karriere im Rundfunk aufgebaut. Er konnte mir viel über die aufregenden Jahre mit „Ihre Kinder“ erzählen. Auch zu den Demobändern erinnerte er sich an interessante Geschichten: Mit den Bändern unter’m Arm hat er demnach damals versucht einen Plattenvertrag an Land zu ziehen und hat das Material auch einer Platenfirma in Hamburg vorgelegt, die mit Deutschrock allerdings so gar nix anzufangen wusste und ihm riet „mehr wie Roy Black“ zu klingen, dann könne das vielleicht was werden.
Meinen Vater hatte er als guten Bassisten und netten Kerl in Erinnerung. Natürlich wollte ich von Sonny auch wissen, warum mein Vater damals die Band verlassen hat. So ganz genau konnte er das zwar auch nicht mehr sagen, aber wir beide erklären es uns so, dass mein Vater das Wagnis, als Musiker auf den Durchbruch zu hoffen, nicht eingehen und lieber Beamter werden wollte. Das sieht ihm jedenfalls ähnlich und wenn man bedenkt, dass die „Kinder“ trotz nationalem TV-Auftritt bei „Wünsch Dir was“ und nach mehreren Studio-LPs nie ganz groß rausgekommen sind, scheint die Entscheidung meines alten Herren rückblickend für ihn ja die richtige gewesen zu sein. Die Lorbeeren als erste mit deutscher Rockmusik durchschlagende Erfolge gefeiert zu haben, haben jedenfalls Udo Lindenberg und Rio Reiser geerntet. Die „Kinder“ waren vermutlich damals textlich etwas zu „verkopft“, später vielleicht zu „politisch“ und hatten möglicher Weise auch einfach das Pech, nicht nach Hamburg oder Berlin gegangen zu sein.
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Abschließend habe ich mich nach langem Überlegen dazu entschlossen, die bisher unveröffentlichten Lieder des „Ihre Kinder“-Demobands und einige ausgewählte Demoversionen von später veröffentlichten Songs bei soundcloud hochzuladen. Ich bin der Überzeugung, dass dieses Material den Urknall des deutschsprachigen Rocks darstellt und deshalb gehört werden sollte, auch wenn die „Ur-Kinder“ dieses Material nie zur Veröffentlichung produziert haben. Hier erst einmal die fünf Demos, die unveröffentlicht sind:
—An dieser Stelle war der entsprechende Song über soundcloud in den Artikel eingebunden—
Ein Song, der von einer pumpenden Orgel und harten Gitarrenriffs begleitet wird. Wirkt auf mich textlich noch nicht ganz ausgefeilt und etwas diffus.
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Ein Stück mit jammernder Mundharmonika, Klavier und mehrstimmigem Backgroundgesang im Chorus. Zwischendurch unterhalten sich Mundharmonika und E-Gitarre. Dazu die Frage „Wo gehst Du hin?“. Ein waschechter Blues auf Deutsch!
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Wieder Mundharmonika und Blues-Stimmung. Eine unerwiderte Liebe, ein uneheliches Kind. Skandal-Material zu jener Zeit.
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Scheinbar kindliche Elemente finden sich bei den frühen Kindern häufiger. Der „Flötenspieler“ klingt wie ein lustiges Kinderlied, geht textlich aber tiefer. Driftet gegen Ende etwas ins Groteske ab.
—An dieser Stelle war der entsprechende Song über soundcloud in den Artikel eingebunden—
Das vielleicht experimentellste Lied aus den Demos. Der Backgroundgesang im Chorus schwankt zwischen Bierzelt und Seemannsgesang, die Zwischenrufe sind ungewöhnlich und ihrer Zeit vielleicht etwas voraus. Das Klavierspiel zur Mitte hin gehtin Richtung Boogie Woogie.
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Zu guter Letzt drei Demoversionen von Songs, die später leicht verändert auf dem Album „…ihre Kinder“ gelandet sind:
—An dieser Stelle war der entsprechende Song über soundcloud in den Artikel eingebunden—
In dieser Demoversion dachte ich erst, der Sänger könnte vielleicht mein Vater sein, aber auf Nachfrage sagte mir Sonny Hennig, dass es sich um seine Stimme handelt. In der späteren Version auf der Kinder-Debut-LP wird „Schwarzer Engel“ von Judith Brigger gesungen. Die Demoversion klingt außerdem weniger synthetisch als die Albumversion.
—An dieser Stelle war der entsprechende Song über soundcloud in den Artikel eingebunden—
Auch die spätere LP-Version wird von Judith Brigger gesungen. Im Demostatus klingt auch“Plastiki und Plastika“ „analoger“ und weist zusätzlich auch nicht den ausufernden Klangteppich am Liedende der späteren Albumversion auf.
—An dieser Stelle war der entsprechende Song über soundcloud in den Artikel eingebunden—
Die Demoversion von „Schwarzer Peter“ klingt noch etwas behäbiger. In der Albumversion kommt die Stimme von Judith Brigger im Chorus dazu, ebenso kommt eine Querflöte zum Einsatz, die im Demo noch „fehlt“. Im Chorus der Demoversion singt die Band Backgroundvocals.
+++UPDATE 08. April 2014+++
Nach ursprünglicher Zustimmung hat der Urheber der „Ihre Kinder“-Songs sein Ok für die Veröffentlichung wieder zurückgezogen, weshalb sie hier nicht mehr zu hören sind. Die Tracklist des Demobands sieht wie folgt aus:
Morgens*
Wo gehst Du hin?
Schwarzer Peter
Plastiki und Plastika
Kinderspiel
Schwarzer Engel
Was kann ich denn dafür?*
Madame
Denn er ließ sie einfach steh’n*
Die Da Du, der Flötenspieler
Wenn Liebe das ist
Der Clown
Wenn es sowas auch vielleicht nicht gibt*
Hallo Sie
Der kleine König
Mädchen
Schwarzer Peter (Alternativversion)
Die Da Du, der Flötenspieler (Alternativversion)
Blumenmädchen*
Kinderspiel (Alternativversion)
Wo gehst Du hin? (Alternativversion)
Morgens (Alternativversion)*
Hallo Sie (Alternativversion)
Der Jahrmarkt des Lebens*
Titel, die mit einem * markiert sind, sind unveröffentlicht
William und Kate kriegen ein Baby. Wahnsinn. Anfang der Woche hing die ganze Welt an den Schamlippen der Herzogin von Cambridge.
Kate ist im Krankenhaus! Kate liegt wohl offenbar in den Wehen! Kate hat einen Sohn zur Welt gebracht! Das was sonst tagtäglich millionenfach auf der Welt geschieht wird zum globalen Medienereignis. Doch jetzt, wo die Euphorie rund um die königliche Reproduktionsfähigkeit wieder etwas abnimmt, ist es Zeit sich zu fragen: Warum interessiert uns das eigentlich?
Gut, die Geburtenraten in den Industrieländern ist derart nach unten gekracht, dass es den Boulevardzeitungen dieser Welt schon bald vielleicht wirklich berichtenswert erscheinen könnte, wenn zwei wohlhabende und gut ausgebildete junge Menschen mit Vorsatz ein Kind in diese Welt gebären. Einer Frau aus dem afrikanischen Niger, die in ihrem Leben statistisch gesehen siebeneinhalb Kinder in die Welt setzt, mag der Trubel um die Geburt eines Kindes hingegen etwas seltsam vorkommen.
Neben der spannenden Nullberichterstattung (die BILD-Zeitung hatte sogar eigens einen Webstream mit Livebildern vom Krankenhauseingang auf ihre Startseite gehievt) zu diesem furznormalen alltäglichen Geburtsvorgang hat sich die deutsche Presse natürlich wieder Gedanken gemacht, wie man das Thema „royaler Nachwuchs“ irgendwie für Deutschland „weiterdrehen“ könnte. Und rausgekommen ist – natürlich – die gute alte Umfrage „Wünschen Sie sich auch für Deutschland eine Monarchie?“
Ich meine bei ntv eine entsprechende Umfrage gesehen zu haben, bei der sich eine absurd Hohe Prozentzahl (mein Kopf sagt: 70 Prozent) für die Monarchie in Deutschland ausgesprochen hatte. Belegen lässt sich das leider nicht mehr, dafür spuckt google aber diese feine Umfrage aus, in der sich immerhin jeder Fünfte Deutsche wünscht, von einem König regiert zu werden.
Mein üblicher Reflex bei solchen Umfragen ist normaler Weise das schnelle Heranführen meiner Handfläche an meine Stirn, bei dem ein lautes Klatschen entsteht, das nicht für Applaus steht. Aber diesmal, noch besoffen vom Willie-und-Kate-Rummel, habe ich den Monarchiegedanken zugelassen.
Stellt euch mal vor: Man hole einen eitlen Pfau, den der Pöbel liebt, zurück auf die BILDfläche und drücke ihm eine funkelnde Krone aufs Haupt. Natürlich denke ich da an Karl-Theodor zu Guttenberg. Das nötige blaue Blut bringt er ja sowieso mit.
Woran war Guttenberg denn gescheitert? Na daran, dass er von seiner eigenen Fehlbarkeit als Mensch und Politiker hinterrücks überrascht wurde. Als Monarch könnte ihm das nicht passieren. Er würde die Fehlbarkeit hinter sich lassen und in höhere Sphären entgleiten. Er könnte tun, was er am besten kann: Winken, lächeln, inszenieren und repräsentieren. Mit seiner Stephanie hat er die passende Prinzessin ja schon gefunden, wunderbar!
König Guttenberg könnte sich weiterhin ungestört seinem Glamour hingeben, sich von den Massen verehren lassen und dabei kein politisches Amt beschädigen. Im Gegenteil: Er würde sogar noch vom drögen Politikbetrieb ablenken, ihm die nötige Verschnaufpause verschaffen und somit die Politikverdrossenheit im Land senken. Politiker wären wieder Staatsdiener, die im Schatten des royalen Glanzes in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen könnten.
Monarchie in Deutschland mit KTG als König – das wäre eine Win-Win-Situation für alle: Der Pöbel hätte endlich seinen Projektionsfläche für den eigenen Wunsch nach Größe und Glanz, Guttenberg hätte eine Aufgabe, bei der nichts kaputt machen kann und die ihm wahrlich im blauen Blut liegt. Und der Staat könnte sich an offiziellem Monarchie-Tinnef gesund stoßen! Was da alles möglich wär: Königliches Guttenberg-Haargel, Guttenberg-Buchpressen und wasweißichnochalles.
Klingt abgefahren? Ist es aber nicht. Eigentlich ist ein König für Deutschland eine rein rationale Entscheidung – ihr müsst diesen neuen Gedanken einfach nur zulassen.
Neulich war ich für meinen Brötchengeber auf Reportereinsatz im Bonner Ghetto in Tannenbusch. Der Plot, den es zu berichten gab, war in etwa wie folgt: Jugendliche/Halbstarke/Vandalen/Unbekannte waren durch den Zaun eines noch im Bau befindlichem Spielplatzes/Mehr-Generationen-Parks/heftig subventionierten Vorzeigeprojekts zur Stadtteilentwicklung geschlüpft und hatten Baumaschinen und neu aufgestellten Spielgeräte beschädigt.
Der noch im Bau befindliche Vorzeigeplatz in Bonn-Tannenbusch.
Das war besonders ärgerlich, weil die Stadt sich dieses Projekt rund eine Millionen Euro kosten lässt, um damit ebenjene Problemkids, die mutmaßlich die aktuellen Zerstörungen verursacht haben, von Dummheiten wie Vandalismus abzulenken. Und zwar mit Beschäftigungen wie beispielsweise Basketballspielen auf einem umzäunten Hartbodenfreiplatz mit integriertem Drainagesystem und kleiner Zuschauertribüne.
Da ich selber ein passionierter Hobbybasketballspieler bin, hätte ich mich in meiner Jugend sicher gefreut, wenn es damals einen derart tolles und vor allem durchdachtes Basketballfeld in meinem Dorf gegeben hätte. Gab’s aber nicht. Was es gab waren meist Korbanlagen, die entweder völlig billiger Schrott waren oder – und das ist eigentlich viel schlimmer – zwar durchaus hochwertig, aber an völlig unsinnigen Orten aufgestellt waren: Auf Wiesen, Asche- oder Sandflächen.
Doof: Ein Basketballkorb mitten auf einer Wiese.
Man muss eigentlich kein Genie sein, um zu erahnen, dass sich ein handelsüblicher Basketball auf Wiese, Asche oder Sand nicht ganz so gut dribbeln lässt. Trotzdem schaffen es Städte und Kommunen in Basketball-entwicklungsländern wie Deutschland immer wieder relativ hochwertige und -preisige Korbanlagen auf völlig ungeeignete Untergründe zu verpflanzen und sich dann womöglich noch zu wundern, wenn diese Korbanlagen ungenutzt verwittern.
Da könnt‘ ich jedes Mal kotzen! Und tue es innerlich auch. Jahrelang habe ich mir dieses Trauerspiel, das andere Bauskandale wie Stuttgart 21, Elbphilharmonie oder Flughafen BER locker in den Schatten stellt, kopfschüttelnd angeschaut. Und zwar ohne aufzubegehren. Doch damit ist nun Schluss! Ich tue von nun an das, was jeder engagierte Querulant macht: Ich trage meinen Protest ins Internet und hoffe, dass sich die Welt dadurch zum Besseren verändert. Ich gehe zu instagram.
Genauso doof, aber nicht weniger selten: Ein Basketballkorb auf Sand.
Unter dem Hashtag uselesshoops sammle ich Fotos von Korbanlagen, die an für die Ausübung des Basketballsports völlig ungeeigneten Stellen aufgestellt wurden. Damit schreie ich meinen Schmerz in die Welt hinaus und verschaffe diesen kaum beachteten Bauskandalen die Öffentlichkeit, die sie verdienen!
Und ihr könnt mitmachen: Wenn ihr solche Korbanlagen der geistigen Umnachtung kennt, dann schreibt mir mit Ortsangabe der Bausünde: post(ät)der-mack.de!
Oder macht direkt ein Foto davon und packt #uselesshoops, das Hashtag der Schande, dazu.
1001 PS. Von Null auf Hundert in zweieinhalb Sekunden. Eine im Fahrzeugschein eingetragene Höchstgeschwindigkeit von 407 Stundenkilometern.
Erster Gedanke: Geil.
Zweiter Gedanke: Geil.
Dritter Gedanke: Was so ein Auto wohl kostet?
Vierter Gedanke: Ok, ganz schön teuer. Wer braucht sowas überhaupt?
Um es mal aufzulösen: Wir reden über das schnellste für den Straßenverkehr zugelassene Serienauto der Welt, den Bugatti Veyron 16.4. Rund zwei Millionen Euro – je nach Ausstattung – muss man allerdings für diesen feuchten Traum der Kraftstoffindustrie auf den Tisch legen. Das macht die ganze Sache für die meisten von uns schon deutlich weniger sexy.
Realistisch betrachtet braucht dieses Auto kein Mensch: In so gut wie jedem zivilisierten Land der Welt sind Reisegeschwindigkeiten von über 400 Stundenkilometern abseits der Schiene eher unrealistisch. Außer vielleicht in Afghanistan, dem Libanon, Nordkorea und auf der Isle of Man. Hier kennen die Eingeborenen nämlich kein generelles Tempolimit.
Mit 400 Sachen auf dem Tacho unterwegs sein: Das kann man – und ihr ahnt es schon – auch in Deutschland. Zumindest auf manchen Autobahnen. Hier gilt zwar eine freundliche Empfehlung des Gesetzgebers, die so genannte „Richtgeschwindigkeit“ von 130 km/h. Dran halten muss sich aber niemand.
Warum aber ist das so? Warum kann man in Deutschland auf fast der Hälfte des Autobahnnetzes – immerhin also auf rund sechseinhalb Tausend Kilometern Länge – rasen wie ein Bekloppter? Und warum kann man genau das in allen anderen EU-Ländern und eigentlich auch an fast jedem anderen Fleck unseres großen Erdenrunds nicht?
Ich muss gestehen, dass ich mir diese Frage lange nicht gestellt habe. Schließlich ist man mit dem deutschen Ist-Zustand aufgewachsen und ihn schlichtweg gewohnt.
Trotzdem muss man selbst keinen 1000 PS-starken Supersportwagen in der Garage geparkt haben, um zu bemerken, dass die Höchstgeschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs in kaum einem anderen Land (außer in Deutschland) erreicht werden darf.
Beim Urlaub in Schweden mit dem eigenen PKW: Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h.
Beim Urlaub in den Niederlanden: 130 km/h.
Ich will hier jetzt gar nicht groß Statistiken mit Verkehrstoten rauskramen oder den Umweltaspekt bemühen, sondern da ansetzen, wo man denkende Menschen hoffentlich packen kann: Bei der Vernunft.
In beiden Urlaubsländern ist mir als deutscher Bleifuß nämlich aufgefallen, wie wunderbar entspannt es sich mit einer Tempo-Obergrenze von 120 oder 130 km/h fahren lässt:
Tempomat rein, Stress raus. Während ich auf unbegrenzten deutschen Autobahnen stets bemüht bin so schnell wie möglich vom Fleck zu kommen und jedes Mal fast das Lenkrad verschlucke, wenn bei Tempo 170 jemand von rechts mit Tempo 130 auf meine Spur zieht, ist der Straßenverkehr in Schweden oder Holland ein faires Spiel unter Gleichberechtigten: Niemand fährt deutlich schneller als der andere, der Verkehr plätschert friedlich vor sich hin, der Blutdruck bleibt auf WHO-Empfehlungslevel.
Freundliche Empfehlung ohne Konsequenz: Die Richtgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen.
Positiver Nebeneffekt: Der Spritverbrauch ist in Ländern mit Tempolimit deutlich geringer! Das konnte ich ganz deutlich am Durchschnittsverbrauch meines Autos während und nach dem Urlaub ablesen. Eine Beobachtung, die übrigens auch der spiegel gemacht hat: Eine Teststrecke von 700 km wurde zwei mal gefahren. Einmal so schnell es ging und einmal mit Richtgeschwindigkeit. Ergebnis: Mit Bleifuß wurden 20 Liter mehr verblasen, die Zeitersparnis lag aber nur bei rund einer halben Stunde.
Ein Ergebnis, das besonders mit Blick auf die Preistafeln der Tankstellen überzeugt!
Objektiv betrachtet gibt es also keinen einzigen guten Grund, warum es auf deutschen Autobahnen weiterhin erlaubt sein sollte das Gaspedal bis zum Erdkern durchzudrücken.
Stellt man sich aber hierzulande öffentlich hin und tritt – vernünftiger Weise – für ein generelles Tempolimit ein, sticht man direkt ins Wespennest der Benzinjunkies und PS-besoffenen. „Freie Fahrt für freie Bürger!“ schallt es dann wie selbstverständlich, als hätte man verpasst, dass es offenbar ein Grundrecht auf Raserei gibt.
Lustiger Weise belächeln nicht selten genau die Menschen, die schnelles Autofahren für ein Bürgerrecht mit Verfassungsrang halten, das laxe Waffenrecht der USA. Dabei ist der Grad der Idiotie in beiden Ländern vergleichbar: Auf der einen Seite der schießwütige Amerikaner, der sich das Recht aufs Ballern nicht nehmen lassen will – und auf der anderen Seite der bleifüßige Deutsche, der schnelles Autofahren für einen Stützpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft hält.
Die Autofahrerlobby ist dementsprechend in Deutschland ähnlich machtvoll und einflussreich wie die Waffenlobby der USA. Was dem Ami die National Rifle Association ist, ist dem Deutschen der Allgemeine Deutsche Automobil-Club. Ich selber bin übrigens seit meinem 18 Lebensjahr Mitglied des ADAC. Hier ebenso selbstverständlich wie der Umgang mit Schusswaffen in den USA.
Nun haben Schusswaffen allerdings gegenüber dem Automobil einen klaren Imagenachteil und vermutlich kommen durch Autos auch weniger Menschen ums Leben, als durch Knarren. Da aber trotz aller kranker Gewalttaten in Amerika ein generelles Waffenverbot immer noch so weit von der Realität entfernt ist wie der 1. FC Köln vom Gewinn der Champions League, mache ich mir erst recht keine Hoffnungen auf ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen.
Mein Interview (hier geht es zum ersten Teil) mit Jan Loh, dem alle-mal-malen-Mann, dauert insgesamt eine gute Dreiviertelstunde. Der laute Kneipenbetrieb im Bonner Salvator macht es mir oft schwer den 82-Jährigen zu verstehen. Oft bringt er Sätze nicht ganz zu Ende oder diskutiert derartig leidenschaftlich, dass ich nicht immer ganz folgen kann. Da mein Aufnahmegerät mitläuft, kann ich aber im Nachinein im Zweifel noch einmal zurückspulen und so das Gespräch wirklichkeitsgetreu wiedergeben.
Jan Loh macht bei mir nicht nur eine „Gesichts-Charakter-Kurzdeutung“, sondern zeichnet auch mich und meine Freundin, die als Fotografin dabei ist und Bilder macht. Außerdem deutet er noch meine Handschrift. Weil es den Rahmen sprengen würde, taucht die Handschriftdeutung in diesem Blog-Artikel ebensowenig auf wie Gespräche, die ich mit Jan Loh bei ausgeschaltetem Aufnahmegerät geführt habe.
Einen dieser nichtaufgezeichneten Gesprächsfetzen möchte ich trotzdem kurz wiedergeben: Auf die Frage, was der alle-mal-malen-Mann in seiner Aktentasche Abend für Abend mit sich herumträgt, sagt er: „Da ist das wichtigste überhaupt drin! Wissen Sie was das ist?“. Natürlich weiß ich es nicht. Jan Loh freut sich und sagt nach einer kleinen Pause: „Luft! Da ist Luft drin!“.
Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie sind schon über 80…
…das steht in Wikipedia! Aber ja, das stimmt.
Andere Menschen in Ihrem Alter pflanzen vielleicht im Garten Salat an, Sie ziehen nächtelang durch die Kneipen und malen – warum tun Sie sich das eigentlich an?
Weil’s interessant ist! Ich kann ja auch dann morgens schlafen, es ist keine Arbeit – es ist eine kreative, schöne, interessante Betätigung! Ich kriege ja auch meine Bewegung dadurch. Und ich mache Menschen eine Freude. Da kommt viele zusammen.
Anderen Freude zu machen ist noch eine größere Freude, als Freude zu empfangen!
Wie ist das eigentlich, wenn Sie die Leute malen? Ich hab den Eindruck Sie machen die Preise spontan. Oder haben Sie eine feste Preisliste?
Nein! Erst mal: Preise hab ich überhaupt nicht. Das ist ein marktgemäßes Wert-Leistungsverhältnis. Ich hab so genannte „Symbolentgelte“. Können Sie sich vorstellen, was damit gemeint ist?
Das müssen Sie mir erklären!
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Volkswagen-Werk dem General Motors-Konzern für einen Dollar angeboten. Die haben aber abgelehnt, können sie nichts mit anfangen! Das ist ein Symbolentgelt. Dass man also Geld nimmt, damit nicht gesagt wird: Wir haben das umsonst geschenkt gekriegt.
Bonn besteht ja zum größeren Teil aus Schülern und Studenten. Und die können ja nur ganz wenig zahlen. Ich hab so Entgelte, wenn ich so ein Einzelportrait mache, von sagen wir mal: Fünf Euro. Wenn ich mehr Leute mal, dann vielleicht für einen Euro pro Person, bei vielleicht 10 Leuten. Je mehr Leute, umso billiger für den Einzelnen.
Bei Kindern mach ich’s auch manchmal umsonst. Wenn ich dann so situiertere Leute sehe, dann geh ich etwas hoch, aber nicht so viel. Man hat ja auch immer die Vergleichsmöglichkeit: Der macht das ja auch bei denen umsonst, bei mir ist es auf einmal mehr… Vielleicht so drei Euro bei drei Leuten pro Person.
Bei mir ist es ja auch schneller! Was bei anderen Stunden dauert, das mache ich in Minuten.
Woanders könnte ich vielleicht mehr verdienen, aber: Überraschender Weise hab ich ja so viele Fans, das Interesse ist so groß! Das spricht sich dann rum, dann lassen die sich immer wieder mal malen für ein paar Euro.
Wie viel Geld am Abend können Sie mit der Zeichnerei machen?
Ach, das ist auch immer so eine Sache: Manchmal mach ich so drei, vier, dann aber auch fünf, sechs Bilder am Abend, oder auch schon mal zehn am Wochenende.
Ja, nicht nur da! Wissen Sie was „original“ heißt? Original heißt ursprünglich. Und ursprünglich ist jeder. Jeder ist ein Original in dieser Hinsicht. Man nimmt aber oft so allgemeine Begriffe und wendet sie auf spezielle Fälle an, die an und für sich für jeden gelten! Jeder ist original und jeder ist auch schön auf seine Weise – wie ich schon sagte. Wir sind alle original.
Das ist ja auch teilweise schon wieder ein Lob: Oh, der ist ja originell, der schafft etwas neues! „Original“ ist so etwas abgegriffen oder steht so im Gefühlsansehen.
Loh-Portrait von meiner Freundin Bea und mir.
Aber Sie sind bei Wikipedia in dieser Kategorie drin und Sie sind das einzige noch lebende „Bonner Original“ dort – fühlt man sich da geschmeichelt oder ist Ihnen das egal?
Egal nun grade nicht. Es freut mich schon. Aber so stark tangiert mich das nicht. Ich kann ja auch nichts dafür! Das haben ja die anderen alle gemacht. Das halbe Internet ist voll von meinen Bildern! Ich hab kein einziges Bild selbst ins Internet gestellt.
Dann gab’s hier so unter den Studenten, zur StudiVZ-Zeit, an allen Universitäten Fan-Gruppen. Jetzt gibt’s ja fast nur noch facebook. Und ich weiß nicht wie die einzelnen Unis die Kurve gekriegt haben – in Bonn aber sehr gut. Vor zwei Monaten, das ist meine letzte Auskunft, gab’s da über fünftausend Fans (Anmerkung des Autors: Jan Loh meint die „Der alle-mal-malen-Mann“-Fanseite bei facebook, die ein Loh-Fan erstellt hat).
Dieses Echo überrascht mich eigentlich.
Dafür, dass Sie kein Fernsehen und kein Radio haben, sind Sie gut über facebook informiert…
Ja, ich frage immer. Ich komme ja selbst nicht ins Internet rein, weil ich nicht Mitglied dieser Organisation bin. Aber ich kriege schon Informationen.
Wie würden Sie ihren Zeichenstil oder Malstil beschreiben?
Ach, darüber hab ich mich auch noch nicht bemüht. Also ich zeichne möglichst was ich sehe. Und auch möglichst positiv, weil die meisten Leute mit Komplexen rumlaufen, sich nicht mögen. Dann soll man ihr Wertbewusstsein entwickeln. Es gibt an sich keine hässlichen Menschen! Es gibt nur außergewöhnliche…
Die meisten haben auch nicht die Kraft zur eigenen Persönlichkeit. Die meinen, je mehr sie angepasst sind, um so schöner, umso sicherer und dergleichen sind sie. Die bilden auch keinen eigenen Geschmack heraus und passen sich einfach an. Die allermeisten haben nur Modegeschmäcker und lassen sich nicht mal für einen Cent malen!
Sie bilden also das ab was Sie sehen, haben Sie gesagt…
Ich versuche das, ich bemühe mich darum! So ganz schaff ich das natürlich nicht.
Da gibt es diesen einen Kritikpunkt, der immer wieder auftaucht, dass Ihre Bilder alle gleich aussehen und sich die unterschiedlichen Personen nur durch äußere Merkmale wie Brillen oder Frisuren unterscheiden – was sagen Sie dazu?
„Die sehen ja alle gleich aus!“ Insofern ist das richtig, sagen wir mal „ähnlich“: Die Leute schauen bei mir alle fröhlich, sie freuen sich alle. Die Stimmung ist schon mal sehr ähnlich, das ist richtig. Und dann mal ich die Leute für gewöhnlich, wenn sie nicht grade an der Tischfront sitzen, so von der Seite – wie sie miteinander kommunizieren. Und das gibt auch wieder eine Fröhlichkeit und weil die Leute auch meist in einem ähnlichen Alter sind, ist dann auch die Verschiedenheit nicht so groß.
In der oberflächlichen Beurteilung sieht man so die Hauptsache, das Unwesentliche, die kleineren Teile, werden übersehen. Und wenn etwas ähnlich ist: Aha, das ist ja gleich! Wenn Sie zum Beispiel drei Mal einen aus Dortmund besoffen irgendwo sehen, sagen wir mal in Köln – was meinen Sie dann wie schnell es heißt: Die Dortmunder sind immer besoffen! Die Verallgemeinerung und die Reduktion des Gesamtbegriffes auf ein übliches Urteil.
Zum Beispiel das Gleiche ist ja viel einfacher zu denken als das Verschiedene. Das Verschiedene ist komplex. „Das ist ja alles das Selbe! Alles der selbe Scheiß!“ Wie schnell die Leute mit solchen Urteilen sind. Mit völlig vereinfachten, emotionalen Urteilen, ruck-zuck! Und daraus entsteht dann – und das erleb ich ja auch immer wieder: Die sehen ja alle gleich aus! Vor allen Dingen bei Neulingen.
Sie haben es vorhin selber gesagt: Ihre Bilder entstehen sehr schnell. Für ein Einzelportrait brauchen Sie meist nur fünf bis zehn Minuten…
Man kann an einem Bild Minuten malen, man kann Jahre malen. Die Mona Lisa kennen Sie ja. Da hat der Leonardo Da Vinci genauso lange dran gemalt wie Michelangelo an seiner ganzen Sixtinischen Kapelle. Man kann das ganze Leben malen, ganz fertig wird man nie.
Ich betrachte gar nichts als fertig! Ich mache das so, dass man das Wesentliche erkennen kann. Und dann auch zeitökonomisch. Je mehr Sie nun weiter arbeiten, desto relativ weniger schaffen Sie dann. Je mehr man in die Einzelheiten geht, je mehr Energie man auf die Einzelheiten verwendet, die auch teilweise wieder vom Wesentlichen ablenken können, desto weniger schafft man aufs Ganze gesehen.
Jetzt haben sie ja viele kleine Kunstwerke geschaffen…
Ja das sag ich auch nie, Kunstwerke! Höchstens mal so im saloppen Zusammenhang. Wenn ich kein anderes Wort zur Verfügung habe oder es in die Stimmung passt. Aber dann auch so ein bisschen zum Spaß.
Sagen wir’s mal mit Ihren Worten: Sie haben vielen Freude gemacht mit ihren Werken…
Sagen wir mal: Bilder!
…wie möchten Sie einmal in Erinnerung bleiben?
Ach ja… Das bestimme ich ja nicht. Das ist auch nicht so wichtig. Die Erinnerung, also die Kenntnisnahme, ist ja im ganzen nicht schlecht. Das wird wahrscheinlich auch so bleiben. Man verbessert sich ja auch ständig. Man lernt bewusst, mal unbewusst, was neues. Man kann immer Besseres immer schneller, immer kommunikativer darstellen. Und das ist auch eine besondere Freude, wenn man merkt, dass man immer besser wird. Ganz von selbst. Wieder ein gutes Ding, was von selbst kommt und nix kostet!
Was lernen Sie denn noch dazu?
Ach, man lernt schneller die Gesamtheit der Leute zu erfassen. Den Ausdruck, die Form. Inhalt, Stimmung und Form eines Gesichtes. Und man lernt wie unendlich reichhaltig ein Gesicht ist. Man lernt auch über das, was man unmittelbar sieht, hinauszusehen. Auch viel verschiedene Sehweisen: Zu sehen, wahrzunehmen und zu deuten. Man hat mal das menschliche Gesicht als die Interessanteste Fläche des Universums definiert – das ist gar nicht so unrichtig.
Haben Sie eigentlich eine feste Route, die Sie Abends durch Bonn nehmen, wenn Sie zeichnen?
Ja, blöder Weise ja. Was mich überrascht ist eigentlich, dass das hält: In etlichen Gaststätten gibt’s Leute, die lassen sich immer wieder malen. Während in anderen Gaststätten wieder weniger – woran das nun im einzelnen liegt, das ist schwer zu sagen.
Wenn die Gaststätte zu voll ist, ist das auch nicht so günstig. Zu leer wieder auch nicht, aber je weniger da sind, umso größer die positive Einstellung. Wenn einer da sitzt, ist die Chance größer bei dem einzelnen anzukommen, als wenn mehrere da sitzen und dann bei jedem einzelnen anzukommen. Das richtige Verhältnis von Fülle und Leere, von Jungen und Alten – das hängt von so vielen Faktoren ab!
Gibt es irgendwelche Läden, in die Sie nicht reingehen würden?
Einige wollen es nicht. Einige sind dagegen.
Sind Sie schon mal rausgeschmissen worden?
Ne, rausgeschmissen worden nicht. Aber es wird schon mal gesagt: Das wird nicht gerne gesehen, die Leute wollen nicht gestört werden. In Köln käme man praktisch in jede Kneipe rein! In Bonn sind einige reservierter. Woran das nun liegt? Der Kölner ist insgesamt aufgeschlossener. Aber der Gesamtabsatz ist auch nicht höher in Köln als hier. Aber auf Grund der Gesamtverhältnisse in Bonn mit diesen Fans, arbeite ich lieber in Bonn.
Es ist schon nett in Bonn zu arbeiten! Wer sich nicht von mir malen lässt, ist weder ein Bonner, noch ein Rheinländer, heißt es. Oder einige, die von Bonn wegziehen, sagen zu mir: Sie sind für mich Bonn! Die wollen von mir ein Autogramm haben und sagen: Nichts erinnert mich so sehr an Bonn, wie Sie!
Fast jeder, der in Bonn Abends schon einmal in einer Kneipe war, kennt den kauzigen alten Mann mit dem widerspenstigen weißen Haar. Plötzlich taucht er am Tisch auf und fragt: „Alle mal malen hier?“
Jan Loh, 82 Jahre alt, ist ein Kneipenphantom und laut Wikipedia das einzige noch lebende Bonner Original. Für ein paar Euro fertigt er Bleistiftzeichnungen für Trinkgesellschaften an. Außerdem bietet er Deutungen von Gesicht und Handschrift. Bei Menschen, die ihn nicht kennen, stößt er mit seinem charmant hingenuschelten Angeboten oft auf Ablehnung.
Bei seinen Fans genießt der „Alle-mal-malen-Mann“ hingegen Kultstatus. Seine Fanseite bei facebook hat aktuell fast so viele „likes“ wie die der ortsansässigen Lokalzeitung, ehemals Haupstadtzeitung, die jetzt in ihrer Printausgabe immerhin noch eine Auflage von fast 80.000 Exemplaren erreicht. In der Altstadt Bonns ist sein Gesicht als Graffito in die Streetart eingegangen, „alle-mal-malen-Mann“-Bilder werden von einer eigenen Fanseite gesammelt.
Neulich saß ich mit ein paar guten Freunden in einer Bonner Kneipe (siehe oben). Als der „alle-mal-malen-Mann“ an unseren Tisch kam, wurde mir blitzartig klar: Dieser Mann muss uns zeichnen! Denn wir alle werden Jan Loh vermutlich erst dann zu würdigen wissen, wenn er einmal nicht mehr an unserem Tisch auftaucht.
Also habe ich mir von einem weiteren Bonner Original und Kneipenphantom die Handynummer von Jan Loh organisiert und ihn zu einem Interview eingeladen.
Normaler Weise unterhalte ich mich für Radiobeiträge vor einem laufenden Mikrofon nur kurz mit Interviewpartnern, da ein solcher Radiobeitrag meist nur eine Minute und dreißig Sekunden lang ist.
Für Jan Loh, der weder Radio noch Fernsehen hat, habe ich mir aber bewusst viel Zeit genommen. Ich hatte keine Eile, wollte mehr erfahren und habe mich dazu entschlossen den „alle-mal-malen-Mann“ ausreden zu lassen.
Hier ist Teil eins des Gesprächs mit einem Bonner Original und Kneipenphilosoph:
Die erste Frage ist direkt etwas philosophisch: Herr Loh – sind Sie ein Künstler?
Also ich definiere mich nicht. Die deutsche Sprache ist voller allgemeinen Begriffe, zum Beispiel „Kitsch“ und „Kunst“. Der Kitschbegriff ist einmalig in Deutschland, den haben sogar die Franzosen übernommen: „Le kitsch“. Die Amerikaner auch.
Kaum einer kann definieren, was ein Künstler eigentlich ist und was man darunter versteht. Also ich nenne mich nie „Künstler“. Vielleicht hin und wieder mal, wenn es nicht anders zu verdeutlichen ist.
Besser ist Bildermaler oder Zeichner!
…Stadtmaler habe ich mal gelesen…
Naja, es gibt so verschiedene Bezeichnungen. Es gibt so viel Spekulation darüber… Ob ich Künstler bin haben Sie gefragt?
Das ist noch schwerer zu beantworten, als ob man sich Künstler nennen darf. Das geht schon über die Philosophie hinaus.
Das kann ich nicht beantworten, da kann sich jeder einen eigenen Begriff von bilden, der mich ein bisschen kennt. Oder er kann es auch sein lassen! Es kommt nicht auf die Klassifizierung und ein Wort an, sondern dass man eben das erlebt, was man sieht oder denkt und dergleichen.
Sie sind ja wegen ihres Spruchs als der „Alle-mal-malen-Mann“ bekannt – müsste es nicht eigentlich heißen „alle mal zeichnen“?
Nein, haben sie schon mal von einer Pinselzeichnung gehört? Man kann mit einem Pinsel zeichnen und mit einem Stift malen. Es kommt nicht auf das Instrument an, sondern auf die Machart. Malen ist mehr wenn man dabei schattiert, wenn man über die Linie hinausgeht. Zeichnung ist meist nur linear – das ist die überwiegende Betrachtungsweise. Jetzt kann jeder sich seine eigene Meinung bilden. Was ich mache ist eine Kombination aus zeichnen und malen. Ich schattiere also mehr als ich Linien darstelle. Mit Bleistift kann man ja beides: Einerseits spitz, andererseits schräg halten, dann kann man Schatten nachziehen.
Ich habe gelesen – und korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – dass sie keine künstlerische Ausbildung genossen haben – wie sind Sie denn zum Zeichnen oder Malen gekommen?
Ein künstlerische Ausbildung oder Bildung bekommt man nicht nur an den üblichen Schulen. Kreativität lernen Sie nur für sich selbst und aus sich selbst heraus!
Aber durch die Kneipen ziehen Sie vermutlich noch nicht so lange…
Nein, nein! Das tue ich etwa so seit gut zehn Jahren. Die Bilder hätte ich weitgehend auch schon mit zwölf Jahren malen können – allerdings nicht so schnell und dann auch mit Unterbrechungen immer wieder. Und man zeichnet ja…
Die Bedienung bringt Jan Loh einen Kaffee, er schüttet sich gemächlich drei Tüten Zucker hinein.
…man zeichnet und malt ja dauernd. Beethoven: Der hat ständig bewusst und unbewusst komponiert und längst nicht alles aufgeschrieben, was er komponiert hat. Man kann ja nur einen ganz kleinen Bruchteil von dem, was man in sich gefunden hat, darstellen. Und dazu brauchen Sie keine Schule an sich. Ein so genannter Künstler, der schafft immer aus sich selbst heraus.
Dann sind Sie ein Künstler!
Nein, jetzt lassen Sie den Ausdruck mal ganz weg. Ich sage nur: „der Künstler“. Ob ich das bin – die Frage kann ich nicht beantworten. Das interessiert mich auch nicht! Wir sind ja alle so Gesellschaftswesen: Die Leute haben ja kaum einen eigenen Kunstgeschmack und haben nur angepasste Modegeschmäcker. In der überwiegenden Zahl, jedenfalls die Erwachsenen. Hier muss man unbedingt dünn sein. Wenn man nicht dünn ist, ist man hässlich. In arabischen Ländern genau umgekehrt! Da muss man dick sein!
Kennt ihr die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern? Die sagt alles, nicht? Der Kaiser sagt: Ich komme mit Kleidern. Jetzt sehen die Leute nicht, sondern glauben was der Kaiser sagt. Die haben überhaupt keinen eigenen Eindruck, sind also nur Vasalllenwesen, die nur aufnehmen, aber gar nicht selbst empfinden und beurteilen können (dabei schlägt er rhythmisch mit der Faust auf den Tisch). Politisch ist das hoch gefährlich! Alles latscht in den Massentod, in die Katastrophe. Die Kinder denken ursprünglicher und sagen: Der ist doch nackt!
Man verlernt also das Ursprüngliche, sein eigenes Wesen, zu Gunsten der gesellschaftlichen Anpassung.
Da sind wir ja auch schnell beim Schönheitsbegriff. Wenn Sie Leute malen sagen Sie ja gerne: „Du brauchst nicht posieren, sei ganz natürlich!“ und: „Du bist schön so!“…
(lacht) Nein, das sag ich so nicht. Ich mache viel Jux dabei. Wenn die Leute ganz ablehnend sind sage ich: So hässlich seid ihr doch gar nicht! Aber die meisten lassen sich nicht mal für einen Cent malen, weil sie eben den Modegeschmack haben und auf Grund dessen meinen, sie entsprechen der Mode nicht und sind deshalb hässlich und laufen das ganze Leben mit Komplexen rum.
Und davon will ich sie halt befreien. Ich sage: Es gibt nur schöne Menschen. Und schöne Geschmäcker. Jeder ist schön auf seine Weise. Herrgott oder Natur – je nach Auffassung – machen wunderschöne Menschen und einen Verneinung der eigenen Schönheit ist eine Beleidigung der eigenen selbst und des Schöpfers auch. Das wird theoretisch zugegeben, aber in der Praxis…
Wir sind da ja auch widersprüchlich. Auch bei Umfragen: Da wird gesagt, was man für richtig hält und man tut dann oft genau das Gegenteil. Man tut dann das Modeangepasste, sagt dann aber was vernünftig scheint und merkt oft gar nicht die Differenz davon. Daran sind schon so viele Umfragen gescheitert!
Jetzt haben wir viel philosophiert, lassen Sie uns praktisch über ihre Arbeit reden: Wie sieht ihr typischer Arbeitstag aus, wenn Sie zeichnen?
Naja, ich fange so gegen halb acht an und dann mach ich so meinen Spaziergang durch die Lokale. Und was dann anfällt – das ist sehr verschieden. Das hängt vom Wetter ab, von den Launen… Das lässt sich gar nicht so genau begründen, das können auch die Geschäftsleute nicht, warum die Leute sich so oder so verhalten und dann wieder genau gegenteilig – unter ähnlichen Umständen sogar. Und das Verhalten schafft auch seine Widersprüche. Das kann man gar nicht im einzelnen so beurteilen, weil das viel zu komplex ist.
Ich mach dann meinen Spaziergang und frage dann auch. Ich mach auch Jux dabei dann. Manchmal werde ich sehr ernst aufgefasst, dann mach ich sofort einen Rückzieher. Aber ich hab mich noch nie entschuldigen müssen. Auf jeden Fall ist das sehr interessant.
Und wenn ich gemalt hab, dann biete ich auch diese Charakterdeutung an. Am Anfang muss man das erst erklären. Die kommen, wenn sie gemacht sind, auch besser an als die Bilder.
Was lesen Sie aus meinem Gesicht?
Ja, da kann man ja mal eine Gesichts-Charakter-Kurzdeutung machen.
(Loh deutet auf seinen Kaffee)
Ich mach mir mal eben noch Milch rein. Wie lang haben Sie Zeit?
Ich habe genug Zeit…
Dann muss ich ja erst ne kleine Vorrede zu halten.
(Jan Loh nestelt an den winzigen Kaffesahne-Päckchen herum)
Mehrere Tassen Kaffee wirken wie Doping – wer sagt das wohl?
(Es entsteht eine Pause)
Der Beckenbauer!
(Er schüttet sich Milch ein)
Da ist ja sogar ein Keks dabei!
Also ich hab weder Radio noch Fernsehen. Hab ich auch nie gehabt. Ich hatte mal ein Radio vor 50 Jahren, hab ich aber nach zwei Wochen wieder rausgeschmissen.
Wo kann man diese Sendung denn hören eventuell?
Ohne Radio wird’s schwierig!
(Er betrachtet seinen Kaffee)
Ach, das ist ja ein Glas. Da ist ja noch nicht mal ein Henkel dran! Das ist ja heiß!
(Er wickelt eine Serviette um die Glastasse)
Naja, geht noch.
Was ist das denn hier?
(Er betrachtet den Löffel)
In Deutschland muss man die Löffel oft noch nachputzen! In Entwicklungsländern, China – piek sauber, aber da kann schon mal was an der Erde liegen. Eine falsche Sauberkeitsordnung in mancher Hinsicht.
Darf ich mal fragen, was Sie beruflich gemacht haben, bevor sie „Stadtmaler“ wurden?
Ich hab hier, als die Regierung noch da war, Informationen über Entwicklungshilfe und Entwicklungsländer gegeben. Für alles was sich in Deutschland mit Entwicklungshilfe beschäftigte – aber so in Stundenarbeit. Über 30 Jahre, ohne auch nur einen Tag blau zu machen! War hochinteressant! So Informationsjobs sind die interessantesten, da können Sie auch viel bei lernen.
Waren Sie da auch selber im Ausland?
Nein, nur privat. Ich war hier. Die brauchten ständig Informationen. Alle Regierungs- und privaten Institutionen – aktuelle Informationen.
Das wurde dann archiviert, in Informationsmappen zusammengefasst für Entwicklungsländer und so… Naja, das hab ich dann gemacht! Das war jeden Tag was neues, immer interessant.
Wollen wir wieder zurückkommen auf die Gesichtsanalyse?
Ich muss aber eine kleine Vorrede halten! Sie nennen das vielleicht Analyse, haben Sie gesagt? Wissen Sie was Analyse heißt? Früher wusste das fast jeder, da konnte man noch Fremdsprachen. Heute schmeißen alle mit dem Wort rum und keiner weiß: Analyse kommt aus dem Griechischem und heißt „zerlegen“! Wenn Sie Ihr Auto zerlegen und liegen lassen, dann sagt jeder wohl mit Recht: Der hat sie nicht mehr alle!
Dazu braucht es den Ergänzungsbergriff zur Analyse. Können Sie sich darunter was vorstellen? Das ist das Zusammensetzen. Betrachten oder untersuchen heißt auseinander nehmen, die Details betrachten, beurteilen und dann nach Regeln – sagen wir mal der Therapie oder Reparatur – wieder zusammensetzen.
Im deutschen Wort „Deutung“ ist das drin. Aber wir sind ja so fremdwortvernarrt! Der griechische Ausdruck für das Wiederzusammensetzen ist die „Synthese“. Das müsste also „Analy-Synthese“ heißen, „Auseinandernehmen-Wiederzusammensetzen“. Die Begriffe mit „Analyse“ greifen alle zu kurz, auch „Psychoanalyse“! Man bleibt bei den Einzelheiten stehen, basta! Man verallgemeinert dann einen Gesamtbegriff und das kann natürlich nicht stimmen.
Ok, dann nehmen Sie mein Gesicht mal auseinander!
Nein, nein, nein! Ich sage, was ich sehe – aber die Faust am Gesicht kann ich dabei gar nicht gebrauchen!
(Ich entferne meine Hand, auf die ich meinen Kopf gestützt hatte, aus meinem Gesicht)
Aber ich wollte ja eine kleine Vorrede halten, die für alle diese Deutungen gilt: Wir sind alle gegensätzlich.
(Zu meiner Freundin gewandt, die als Fotografin dabei ist)
Du sagst ob das richtig ist – Frauen haben ja so einen Richtigkeitsinstinkt.
Nicht? Wir sind alle gegensätzlich: Wir ruhen mal, dann bewegen wir uns, dann haben wir Hunger, dann sind wir gesättigt. Die Chinesen sagen Jing/Jang – schon mal gehört, wahrscheinlich?
Die Gegensätze erzeugen sich auch: Zum Beispiel die Bewegung macht Müde und erzeugt Ruhe. Ruhe bündelt wieder Kräfte und erzeugt Bewegung. Ja, damit können wir mal anfangen:
(Loh betrachtet mein Gesicht)
Ja, Sie sind temperamentvoll. Ich sage mal: Jedes Gesicht ist unendlich ausdrucksreich, ändert sich ständig. Wir können jetzt das ganze Leben deuten, fertig werden wir dennoch nicht.
Und jeder Mensch hat auch alle menschlichen Eigenschaften.
Ich sag jetzt nur etwas besonders auffallendes, so 20 Eigenschaften zum Beispiel.
Sie haben die Lippen aufeinander – dann denken Sie automatisch mit dem Vorderhirn. Die planmäßige Intelligenz sitzt vorwiegend hier. Wenn Sie ein Problem durchdenken, arbeiten Sie hier mit. Vieles kriegen Sie aber nicht raus – am nächsten Tag fällt Ihnen aber was ein! Einfälle hat man meist – da gibt’s auch Untersuchungen zu – nach der zweiten Wiedergeburt, nach dem Wachwerden am Morgen.
Die hat man meist nach dem Wachwerden. Morgens, bei Spaziergängen. Viele große Geister wie Beethoven oder auch Zuckmayer sagte: Die besten Ideen hab ich bei Spaziergängen. Auf dem stillen Örtchen und so weiter!
(Er zeigt auf meine Stirn)
Also wenn Sie ein Problem durchdenken arbeiten sie meistens hiermit.
Sie kriegen dann längst nicht alles raus und am nächsten Tag, oft wenn man gar nicht dran denkt, oder sonst irgendwann im Urlaub, hat man plötzlich Einfälle. Die Einfalls- oder intuitive Intelligenz.
Können Sie sich darunter was vorstellen? Intuition heißt „die Eingebung, die von selber kommt“. So ähnlich wie der Einfall.
Sie können sich sicher erinnern, plötzlich mal einen Einfall gehabt zu haben, ohne drüber nachzudenken – oder grade weil Sie nicht drüber nachgedacht haben. Aus dem Gegensatz heraus. Wenn die Gehirnpartien lange geruht haben, dann werden Sie oft umso aktiver! Wenn Sie lange nachgedacht haben, dann ist das Gehirn manchmal etwas erschöpft. Dann haben Sie nicht so viele Einfälle.
Das richtige Verhältnis von Aktivität und Freiheit herauszufinden, das liegt bei dem Einzelnen. Jeder ist da verschieden.
Die Psychologen nennen es auch das Aha-Erlebnis. Man will eine Lösung finden, strengt sich an – aber auf einmal ist es da, zack!
Die besten Dinge im Leben kommen oft von selbst und sind gratis.
Ist eine schöne Philosophie, finde ich!
Jaja, so ist es auch! Stimmt ja auch obendrein noch.
Sie sitzen auch ruhig und: Fingerbewegungen! Zwischen Hirn und Hand und Hirn und Füßen bestehen enge Verbindungen. Das waren vermutlich auch die Bewegungs- und Tastorgane im Urwald. Wenn etwas passierte, da an Fingern und Füßen, musste das schnell im Gehirn gemeldet werden. Das Gehirn entschied und diese Organe mussten schnell reagieren darauf. Man spricht ja auch vom Fingerspitzengefühl, oder „Fingerschmerzen gehen zu Herzen“. Oder in der Akupunktur: Da spielen die Hände, die Finger eine große Rolle. Sie können über die Fingerspitzen praktisch alle Schmerzen abreagieren. Ist allerdings ein bisschen komplex, aber umso interessanter!
Ich fand das schon sehr aufschlussreich…
Ja, aber wir sind ja noch längst nicht fertig. Das war ja jetzt das Minimum vom Minimum vom Minimum… Aber gehen Sie mal weiter mit Ihren Fragen.