Dann meld Dich doch ganz ab!

Erst übernimmt Facebook WhatsApp, dann fällt WhatsApp stundenlang aus. Selten hat die Lieblings-SMS-Alternative der Deutschen die Newsfeeds der sozialen Netzwerde so verstopft wie in den letzten Tagen. Viele, wie auch ich, haben die Übernahme von WhatsApp durch Facebook dazu genutzt, sich noch einmal nach Messenger-Alternativen umzusehen.

Meine Facebook-Freunde hat das in zwei Lager gespalten: Dem einen Lager wird beim Gedanken daran flau im Magen, dass eine Datenkrake (Facebook) eine andere mit lange bekannten und neuen Sicherheitslücken (WhatsApp) schluckt. Die andere gehört der „das ist doch alles Hysterie!“-Fraktion an.

Auch wenn ich in meinem direkten „Freundeskreis“ bei Facebook nur von einer Person weiß, die in ihrer Timeline die Übernahme von WhatsApp durch Facebook beklagt und ihren Wechsel zur im Moment heiß diskutierten, vermeintlich sicheren WhatsApp-Alternative Threema verkündet hat, so macht sich bei vielen Facebook-Nutzern offenbar ein Gefühl der Belästigung durch die Konfrontation mit einer Tatsache breit. Und diese Tatsache heißt: WhatsApp-Kommunikation ist fürchterlich leicht durch Dritte auszuspähen.

ruthe, WhatsApp und Threema

Über 14.000 Mal geteilt: Ruthes Reaktion auf WhatsApp und Threema. (© Ralph Ruthe)

Diesem diffusen Gefühl der Belästigung hat Cartoonist Ralph Ruthe mit einer Zeichnung Ausdruck verliehen, in der sich in einer Art Selbsthilfegruppe ein Teilnehmer eines Stuhlkreises dazu bekennt, WhatsApp gelöscht zu haben und zu Threema gewechselt zu sein. Alle anderen im Kreis verleitet das zu einem verbalen „HALT DIE FRESSE!!!“-Reflex. Der Cartoon ist bisher über 14.000 mal bei Facebook geteilt worden.

In Technik-Blogs und auch in den sozialen Netzwerken beharken sich also die „Datenschutz-Hysteriker“ und die „faulen Konsumenten“. Ich bin mittlerweile durchaus der Meinung, dass es sich zumindest lohnt, die bekannten Sicherheitslöcher bei WhatsApp im Hinterkopf zu haben und sich zu fragen: Sind 30 Millionen aktive Nutzer in Deutschland wirklich das einzige Argument, einen Dienst zu nutzen der ein Einfalltor für potentielle Schnüffler ist?

In der Diskussion haben sich zwei Argumente derer, die das von Ruthe verbildlichte Gefühl der Belästigung durch Überlegungen von mündigen Verbrauchern beklagen, besonders häufig wiederholt:

1. Ich habe doch nichts zu verbergen!

Dieses Reflex-Argument geht von der Annahme aus, dass die NSA oder sonst ein Geheimdienst sich nur für spezifische Verbrechensmuster wie „Terrorist baut Bombe“ interessiert und dass alle, die keine bombenbauenden Terroristen sind, daher nicht relevant für die Ermittlungsbehörden sind. Wer also keine Bombe plant oder baut, muss sich folglich über sein alltägliches Messenger-Geplänkel mit Freunden keinen Kopf machen.

Das gleiche Reflex-Argument hat auch so gut wie immer zur Grundlage, dass derjenige der es anbringt, davon ausgeht, dass seine private Kommunikation tatsächlich nur für hochgerüstete Sicherheitsbehörden wie die NSA oder die CIA von Interesse ist. Ich habe tatsächlich mehr als einmal als Argument für den weiteren unkritischen Umgang mit WhatsApp Sätze wie „vor meinem Fenster sehe ich noch keine Ausspähwagen der NSA“ gelesen!

Das „Ich habe doch nichts zu verbergen!“-Argument geht also insofern an der Realität vorbei, als dass seine Verfechter davon ausgehen, dass eine klar definierte Personengruppe im staatlichen Auftrag ein Interesse an ihnen haben könnte, sie sich aber strafrechtlich nichts vorzuwerfen haben und deshalb auf Privatsphäre in der Kommunikation sowieso von vornherein verzichten können.

Dazu mal folgendes Beispiel: Auf einem Bahnsteig filmt eine Überwachungskamera. Sie zeichnet im staatlichen Auftrag Menschen auf und gehört der Bundespolizei. Sie ist dazu da, mögliche Straftaten festzuhalten und im Anschluss zu beweisen. Bei der Durchsicht der Bänder aus gegebenem Anlass fällt aber auch ein Betrunkener im Rahmen eines Junggesellenabschieds auf, der sich in irgendeiner Art selbst zum Ei macht. Dieses Video landet – wie und warum auch immer – im Internet. Die Persönlichkeitsrechte des gefilmten sind dahin. „Das Internet“ ist voll mit solchen Videos. Überzeugt euch selbst.

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Hinweis auf Videoüberwachung. (© Wamito)

Genauso könnte es mit schlecht bis gar nicht verschlüsselter WhatsApp-Kommunikation eines jeden geschehen. Privates landet „auf Servern in Amerika“, wird aus welchen Gründen auch immer von einer Person ausgelesen und bietet vielleicht Anlass, diese Daten weiterzureichen. Und diese Möglichkeit besteht bei WhatsApp in der Tat – und zwar ohne, dass eine Ermittlungsbehörde tätig werden, oder ein pickliger, sich von Pepsi und Pizza ernährender Computerhacker aus China es gezielt auf euch abgesehen haben muss. Denkt mal drüber nach. Überall da wo Menschen an Informationen herankommen, ist Missbrauch leider nicht auszuschließen. Siehe das oft als Technologie-Spukgespenst durch die Medien geprügelte „Sexting„.

2. Dann meld Dich doch ganz ab!

Dieses Reflex-Argument ist fester Bestandteil einer „ganz oder gar nicht“-Theorie, die sich ebenso wie das „Ich hab doch nichts zu verbergen!“-Argument aus einem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber „der Technik“ speist. Es ist gefährlich, weil es in seiner Resignation übersieht, dass eine kritische und vor allem konstruktive Auseinandersetzung mit der Datenschutzfrage für jeden ganz individuell möglich ist.

Dem „Dann meld Dich doch ganz ab!“-Argument wohnt wieder die Annahme inne, dass man sich im Netz ja eh im rechtsfreien Raum bewegt und daher sowieso alle Privatheit von vornherein aufgehoben ist. Wem diese „Spielregeln“ nicht geheuer sind, der muss halt auf gewisse Programme, Netzwerke oder Apps oder gar gleich das gesamte Netz verzichten.

Wenn es konkret um WhatsApp geht, wird von Verfechtern dieses Reflex-Arguments oft auf den scheinbaren Widerspruch hingewiesen, dass Menschen, die WhatsApp nicht mehr nutzen wollen, dies ausgerechnet bei Facebook verkünden und ihren Account hier nicht aufgeben wollen. Dabei ist der Zuckerberg mit seinem Facebook doch die viel schlimmere Datenkrake!

Da ich diese letzte Ausprägung des „Dann meld Dich doch ganz ab!“ öfter sehe, möchte ich hierauf auch noch einmal kurz eingehen: Leute! Auch wenn WhatsApp jetzt zu Facebook gehört, so besteht doch (noch) ein gewisser, entscheidender Unterschied. Wer bei Facebook angemeldet ist, kennt heutzutage die Spielregeln: Er nutzt nämlich gratis ein soziales Netzwerk mit vielen Millionen Mitgliedern zum Preis von eingeblendeter, personalisierter Werbung. Er weiß also, dass der Erfolg des genutzten Angebots sich aus den eigenen preisgegebenen Daten speist und dass seine Daten hier nicht unbedingt vertraulich behandelt werden.

Doch wie war das mit WhatsApp? Hier zahlt der Nutzer einmalig Geld für eine Dienstleistung, die man als SMS 2.0 bezeichnen kann. Keine Werbung, kaum persönliche Daten über Name und Telefonnummer hinaus, die das Programm vom Nutzer wissen möchte. Viele wähnen sich also hier in relativer Sicherheit, denn SMS konnte ja früher auch keiner mitlesen. Einen als Firmenstrategie offensiv verkauften Handel mit den persönlichen Daten des Nutzers gibt es bei WhatsApp nicht.

Kurz gesagt: Bei Facebook kaufe ich mit meinen persönlichen Daten ein durchaus ansprechendes Netzwerkangebot. Bei WhatsApp zahle ich „Eintritt“ und gebe dazu auch noch die Kontrolle über meine Privatsphäre ab.

Was ich persönlich aus der Debatte gelernt habe:

Ich bin kein Datenschutz-Hysteriker. Ich sehe nicht hinter jedem Pixel eine Gefahr für Leib und Seele. Was ich aber nicht verstehe: Warum fällt es vielen im Netz eigentlich mittlerweile so schwer von einem generellen Gut der Privatsphäre auszugehen? Von einem prinzipiellen Recht auf vertrauliche Kommunikation zwischen zwei Personen?

Wie konnte es überhaupt zu dem „Ich habe doch nichts zu verbergen!“-Argument kommen, welches genau wie das „Dann meld Dich doch ganz ab!“-Argument ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ebendiese vertrauliche Kommunikation heute ja eh schon nicht mehr möglich ist?

User sollten vielleicht darüber nachdenken, dass es nicht um eine konkrete Bedrohung durch Hacker, NSA oder sonst wen geht, sondern um das generelle Recht auf sichere Kommunikation.

Ich persönlich bin übrigens noch bei WhatsApp. Aber eben auch bei Threema. Noch lullt mich die eigene Bequemlichkeit ein. Noch verleiten mich die vielen aktiven Nutzer, mich vorerst nicht gänzlich von WhatsApp zu verabschieden. Noch.

1 Comment

  1. Jakob says:

    Letztendlich liegt es an jedem selbst, wie er mit dem Thema umgeht, insbesondere was die Sicherheit anbelangt, aber jedem sollte stets klar sein, dass kein Messenger absolut sicher ist.

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