Kobe Bryant: Mamba out

Ein 37-jähriger Multimillionär hört auf Basketball zu spielen – warum bewegt mich das?

Heute Morgen bin ich aufgestanden und habe noch am Bett mein Smartphone angeschaltet. Ich wusste, dass Kobe Bryant grade die endgültig letzte Basketball-Partie seiner 20-jährigen Profikarriere beendet hatte. Hätte spox.com dieses Spiel übertragen, anstatt das letzte Saisonspiel der Golden State Warriors zu zeigen, die auf der Jagd nach dem historischen Rekord der Chicago Bulls von 1996 sind (72 Saisonsiege, nur 10 Niederlagen) – ich wäre Nachts um 4 aufgestanden, um Kobes letztes Spiel live zu schauen.

By Keith Allison (Flickr: Kobe Bryant) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Stattdessen blicke ich vergleichsweise ausgeschlafen auf mein Handydisplay. Meine facebook-Timeline ist voller Kobe-Tributvideos. Ich nehme mir vor, sie später anzuschauen. Mit noch nicht ganz offenen Augen scrolle ich weiter. Mehr als rührselige Kobe-Abschiedsvideos, von denen es in der Saison schon genug gab, interessiert mich das Aktuelle, Sportliche. Haben „meine“ Lakers gewonnen und wie viele Punkte hat mein Basketballidol in seinem letzten NBA-Spiel gemacht? War es wohl ein würdiger Abschied, wie ich es ihm wünschen würde?

60.

Augenreiben.

Da steht immer noch 60.

60 Punkte.

Völlig verrückt.

Kobe Bryant hat heute Morgen die Utah Jazz mit 60 Punkten auseinandergenommen. Kobes Lakers haben das Spiel 101 zu 96 gewonnen. 60 der Lakers-Punkte kamen von Kobe.

Sech-zig. Und ein Sieg, was bemerkenswert ist, denn die Lakers waren in diesem Jahr (und auch in den Jahren davor) grottenschlecht. Grade einmal 17 Siege bei 65 Niederlagen. Das schlechteste Team im Westen, das zweitschlechteste der aktuellen NBA-Saison.

Den ganzen Tag lang habe ich mir jeden Videoschnipsel dieses 60-Punkte-Volksfests in Los Angeles angeschaut. Kobe kommt in der Arena an. Kobe beim Aufwärmen. Flea von den Red Hot Chili Peppers spielt vor dem Spiel die Nationalhymne auf dem Bass. Kobes letzte Einführung durch den Hallensprecher. Basketball-Legende Earvin „Magic“ Johnson, der vielleicht größte Laker aller Zeiten, hält eine Rede auf Bryant und nennt ihn den größten Laker aller Zeiten. Jay-Z, Kanye West, Snoop Dogg, Jack Nicholson, David Beckham flippen an der Seitenlinie aus (es war schon immer viel „Hollywood“ in Hollywood, aber bei Kobes letztem Spiel ist die Star-Dichte um einiges höher als gewöhnlich). Kobe dreht das Spiel, ganz so wie er es früher fast nach Belieben konnte und tütet 60 Punkte ein (sein Saisonschnitt liegt bei 17 Punkten). Kobe verabschiedet sich von den Fans. Kobe auf der Pressekonferenz. Kobe signiert die extra für sein letztes Heimspiel ins Parket der Halle eingelassenen Trikotnummern (die 8 und die 24). Kobe hier, Kobe da.

Das hat in mir gegärt. Es hat mich berührt, diesen Held meiner Jugend in Rente gehen zu sehen. Bei manchen Szenen hatte ich – das gebe ich offen zu – wässrige Äuglein. Vorhin habe ich eine blaue Sonderedition des Lakers-Trikots aus dem Schrank gezogen. Ein Trikot, das ich seit bestimmt 10 Jahren nicht mehr angezogen hatte, habe ich nun übergestreift. Kobes alte Nummer 8 auf Rücken und Brust.

Faszination Bryant

Jetzt war ich bereit darüber zu reden. Ich machte den PC an und begann diesen Blogeintrag zu schreiben.

Was macht Kobe Bryant für mich also zu einer Person, an deren Leben (beziehungsweise an deren Basketballspiel) ich Anteil nehme? Warum beschäftigt mich sein Rücktritt vom Profisport? Für die Erklärung muss ich etwas ausholen.

Rückblende auf das Ende der 90er Jahre. Als ich anfange, mich wirklich für NBA-Basketball zu interessieren, ist Michael Jordan der unumstößliche Basketballgott und auf dem Höhepunkt seines Könnens. 1998 hat er das perfekte Karriereende, in dem er im letzten Spiel der Finalrunde gegen die Utah Jazz den letzten Schuss seiner Chicago Bulls nimmt, ihn zu Sieg und Meisterschaft versenkt und danach seine Basketballschuhe an den sprichwörtlichen Nagel hängt.

Alle wollen so sein wie Mike. Eine ganze Profikarriere bei ein und demselben Team bleiben, mit ihm mehrere Meisterschaften holen und im perfekten Moment als Lichtgestalt in den Ruhestand gehen. Auch ein damals grade dem Teenageralter entsprungener Kobe Bryant will das für sich einmal. Damals, Ende der 90er, ist er nur 6 Jahre älter als ich, aber schon alt genug um mir ein cooles Vorbild einer aufstrebenden Basketballgeneration in der Zeitrechnung n. J., „nach Jordan“, zu werden.

Kobe Bryant macht als „junger Wilder“ von sich reden, ich selbst beginne auch seinetwegen mit dem Basketballsport. Es ist die Zeit, in der die NBA-Spieler auf dem Spielfeld noch überlange Shorts im Stil des Gangsta Rap tragen.

Coming of Age

Kobe Bryant ist Teil meines Lebensgefühls, meiner Jugend. Er galt für mich irgendwie immer als der junge Rebell. Sein Älterwerden und eine nachrückende Generation von NBA-Spieler, die jetzt an seinem Thron sägt, wie er einst an Jordans Thron sägte, führt mir meine Vergänglichkeit, mein eigenes fortschreitendes Alter vor Augen. Vielleicht tat die Gewissheit, dass Kobes Karriere endlich ist und nun wirklich unwiederbringlich vorbei, deshalb so weh. Kobe Bryant ist für mich so etwas wie die Beatles für frühere Generationen: Man wurde mit den Idolen erwachsen und irgendwann sind sie nur noch eine schöne Erinnerung an die eigene Jugend.

Kobe Bryant mochte ich auch deshalb, weil seine Karriere immer von Kritikerstimmen begleitet war. Kobe passt den Ball nicht. Kobe schießt zu viel. Kobe ist egoistisch. Ohne Shaquille O’Neal, mit dem er für ein paar Jahre ein tödliches Basketballduo gebildet hatte, kann er nicht gewinnen (konnte er doch). Nike hat aus der „Alle hassen Kobe“-Thematik grade einen netten Werbespot gemacht (s. links).

Und ganz ehrlich: Kobe war auch ein besonderer Charakter. Von einer fast schon krankhaften Sucht nach Erfolg, Perfektion und Legitimation getrieben, war er sicher kein angenehmer Teamkamerad und angeblich sind einige Personal(fehl-)entscheidungen des Teams an seinem Ego zerschellt. Seinem Ego und seinem Kontrollzwang ist es auch zu verdanken, dass Kobe selbst seinen Spitznamen erfand, den jeder herausragende NBA-Spieler im Laufe seiner Karriere einmal verpasst bekommt: Black Mamba. Man kann Kobes Art sicher kritisieren oder arrogant finden. Aber eben dieser Wille, dieses Verbissensein, brachte ihm fünf Meisterschaften ein. Und das ist die Währung, die in der NBA zählt. Jordan hat sechs, Bryant fünf. Nicht schlecht.

Das perfekt Ende

Und dann war da ja noch das Karriereende, für das Kobes Vorbild 1998 die Blaupause gezeichnet hat. Letzten Schuss versenken, Meisterschaft einsacken, in den Sonnenuntergang reiten. Leider hatte Jordan dieses Bilderbuch-Karriereende mit dem Arsch wieder eingerissen, als er ein paar Jahre später, ungefähr in dem Alter, in dem Kobe jetzt grade von der Bühne abtritt, ein weiteres Comeback gab, um der neuen Spielergeneration noch mal zu zeigen, dass der alte Meister es noch drauf hat.

Nun, Jordan hatte es noch drauf und spielte noch zwei absolut respektable Spielzeiten. Allerdings hatte er nun mit dem letzten Schuss um die Meisterschaft nichts mehr zu tun, denn die Washington Wizards, sein neues Team, schafften es nicht mal in die Playoffs. Stattdessen räumte Kobe Bryant, „das Monster, das er erschaffen hatte“, die Meisterschaft(en) ein. Jordan brach mit dem Comeback im falschen Trikot (eben für Washington und nicht für Chicago) nebenbei auch mit dem „ein Team für’s Leben“-Ideal.

Welches Ende würde Kobes Karriere nun also nehmen? Mit der Meisterschaft hatten seine Lakers – wie schon erwähnt – in den letzten Jahren nichts mehr zu tun. Stattdessen kämpfte Kobe im Alter den beeindruckenden Kampf gegen seinen eigenen Körper. Drei Verletzungen, die für die meisten Sportler das Karriereende bedeutet hätten, brachten ihn nicht zum Rückzug. So einfach gibt ein Kobe Bryant nicht auf.

Ein perfektes Ende mit Meisterfeier konnte es für Bryant also nicht geben. Und deshalb ist Kobes 60 Punkte-Gala im letzten Spiel für mich so phänomenal. Er hat den alten Kobe, dem alles – nur durch pure Willenskraft angefeuert – gelang, für einen Abend, im entscheidenden Moment wieder rausgeholt. Seine noch ziemlich jungen Töchter waren baff. Hatte Papa grade wirklich 60 Punkte gemacht? Jedenfalls hat Kobe diese Anekdote auf der Pressekonferenz nach dem Spiel zum Besten gegeben. Genauso wie seine Reaktion auf das ungläubige Staunen seiner Töchter. Sinngemäß war Kobes Antwort: „Ja, der Papa hat das früher öfters gemacht. Guckt mal bei youtube rein!“

Kobe Bryant hatte also heute Morgen im Kleinen ein perfektes Karriereende. Nicht in der Maximalversion eines Jordans von 1998, sondern in der Version eines Menschen aus Fleisch und Blut. Eines Menschen, der einfach noch nicht zum alten Eisen gehören will, auch wenn der Körper schon längst nicht mehr mitmacht.

Jetzt, da ich Kobes Karriereende schreiberisch verarbeitet habe und ein „Karriereende“ für diesen Text suche, fallen mir nur die Worte ein, mit denen Kobe selbst auf seinen Social Media-Kanälen seine Geschichten im Sinne eines „over and out“s zu beenden pflegt:

Mamba out.

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