Warum ich Wert auf einen ordentlichen Händedruck lege

Ich bin nicht der Bundespräsident. Trotzdem bringt es mein Beruf so mit sich, dass ich viele Hände schüttelnmuss. Besonders wenn ich als Reporter unterwegs bin, lerne ich viele Leute kennen. Ich erhalte Einblicke in Lebens-, Arbeits- und Freizeitwelten, die mir sonst verborgen bleiben. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Beispiele könnte ich viele aufreihen (ich durfte schon Roboter fernsteuern, eine Straßenbahn fahren, 30 Meter in einem Feuerwehrkorb hinauf schweben, mehr oder weniger interessante Menschen, sogenannte „Stars“ aus Politik und Entertainment treffen…), spare mir das aber vielleicht für einen anderen eitlen Blogeintrag auf.

© Tobias Wolter

Vor nicht allzu langer Zeit war ich als Reporter auf einem Termin beim Bonner Ableger einer großen Bundesbehörde. Kein besonderer Termin, eher langweilige Redaktionsroutine. Trotzdem ist mir dieser Termin im Gegensatz zu vielen anderen Pflichtterminen im Kopf geblieben.
Schuld dran ist die Pressesprecherin. Eine taffe Karrierefrau im Hosenanzug. Typ „Karriere: ja, Kinder: später, vielleicht, mal sehen, zu spät! „. Nennen wir sie einfach pietätvoll Frau K.

Frau K. hatte die Gesprächsrunde aus Industrie und Wirtschaft absolut im Griff. Sie gab den Ton an. Ist ja auch ok, ist ihr Job. Was aber nicht ok war und meinem Bild des Alpha-Weibchens zuwider lief, dass ich mir so schön zurecht gelegt hatte, war ihr saftloser Begrüßungshändedruck. Sie hielt mir etwas kaltes, lebloses entgegen, was ich erst Sekunden später als Hand identifizieren konnte. Im ersten Moment fühlte es sich eher wie ein welker Romanasaltkopf an, der schon zu lange im Kühlschrank liegt.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht jemand, der mit einem Knigge unter dem Kopfkissen pennt. Trotzdem glaube ich daran, dass ein ordentlicher Händedruck zu einer höflichen Begrüßung dazugehört und etwas aussagt.
Nehmen wir zum Beispiel meinen Onkle Jochen, der eigentlich gar nicht wirklich mein Onkel ist, sondern über sieben Ecken irgendwie mit mir verwandt: Gibst Du ihm die Hand, erleidest Du Schmerzen. Er bricht Dir fast das Handgelenk, während er Dir langsam aber höflich lächelnd die Hand zerquetscht wie ein Stück jungen Hollandgouda. Er macht das vermutlich, um seine Körperlichkeit zu betonen, denn er ist ein Baum von einem Mann. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er das nur bei mir so macht, oder ob auf diese Art auch zierliche Damen von ihm begrüßt werden. Das würde jedenfalls erklären, warum er alleinstehend ist.

© Rainer Zenz

Halten wir fest: Ein Händedruck sollte irgendwo zwischen welkem Salat und gefährlicher Körperverletzung liegen. Fest, aber nicht schmerzhaft, entschlossen, aber höflich.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Händedruck aus einer Zeit stammt, in der wir noch mit Waffen unterwegs waren. Eine Zeit also, die wir zum Glück längst überwunden haben (Ausnahme: Amerika und kleinere Schurkenstaaten).
Gebe ich Dir folglich meine rechte Hand, kann ich sicher sein, dass Du Schwierigkeiten haben dürftest, mich im selben Augenblick mit Deinem Schwert zu perforieren. Ein Akt, der also friedliche Absicht symbolisiert, es sei denn man trifft zufällig auf einen bewaffneten Linkshänder.
Mir gefällt die Vorstellung, dass eine Geste, die heute international verständlich ist und als Höflichkeitsform angesehen wird, eigentlich eine reine Selbstschutzmaßnahme ist. Genauso wie das Anstoßen vor dem Trinken: Angeblich nur deshalb entstanden, weil unsere Vorfahren so sicher sein konnten, dass ihr Drink nicht vergiftet ist, weil sich beim kräftigen Zuprosten die Getränke der Anstoßenden durch Überschwappen ineinander mischten.

Was mir Pressesprecherin Frau K. also damals gezeigt hat, ohne es zu wissen, ist: Mit dieser meiner Salathand wär ich eh nicht in der Lage Dich umzubringen.
Finde ich unhöflich von ihr.

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