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  • Alle mal malen hier? Gespräch mit dem letzten Bonner Original – Teil 2

    Mein Interview (hier geht es zum ersten Teil) mit Jan Loh, dem alle-mal-malen-Mann, dauert insgesamt eine gute Dreiviertelstunde. Der laute Kneipenbetrieb im Bonner Salvator macht es mir oft schwer den 82-Jährigen zu verstehen. Oft bringt er Sätze nicht ganz zu Ende oder diskutiert derartig leidenschaftlich, dass ich nicht immer ganz folgen kann. Da mein Aufnahmegerät mitläuft, kann ich aber im Nachinein im Zweifel noch einmal zurückspulen und so das Gespräch wirklichkeitsgetreu wiedergeben.

    Jan Loh macht bei mir nicht nur eine „Gesichts-Charakter-Kurzdeutung“, sondern zeichnet auch mich und meine Freundin, die als Fotografin dabei ist und Bilder macht. Außerdem deutet er noch meine Handschrift. Weil es den Rahmen sprengen würde, taucht die Handschriftdeutung in diesem Blog-Artikel ebensowenig auf wie Gespräche, die ich mit Jan Loh bei ausgeschaltetem Aufnahmegerät geführt habe.

    Einen dieser nichtaufgezeichneten Gesprächsfetzen möchte ich trotzdem kurz wiedergeben: Auf die Frage, was der alle-mal-malen-Mann in seiner Aktentasche Abend für Abend mit sich herumträgt, sagt er: „Da ist das wichtigste überhaupt drin! Wissen Sie was das ist?“. Natürlich weiß ich es nicht. Jan Loh freut sich und sagt nach einer kleinen Pause: „Luft! Da ist Luft drin!“.

     

    Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie sind schon über 80…

    …das steht in Wikipedia! Aber ja, das stimmt.

     

    Andere Menschen in Ihrem Alter pflanzen vielleicht im Garten Salat an, Sie ziehen nächtelang durch die Kneipen und malen – warum tun Sie sich das eigentlich an?

    Weil’s interessant ist! Ich kann ja auch dann morgens schlafen, es ist keine Arbeit – es ist eine kreative, schöne, interessante Betätigung! Ich kriege ja auch meine Bewegung dadurch. Und ich mache Menschen eine Freude. Da kommt viele zusammen.

    Anderen Freude zu machen ist noch eine größere Freude, als Freude zu empfangen!

     

    Wie ist das eigentlich, wenn Sie die Leute malen? Ich hab den Eindruck Sie machen die Preise spontan. Oder haben Sie eine feste Preisliste?

    Nein! Erst mal: Preise hab ich überhaupt nicht. Das ist ein marktgemäßes Wert-Leistungsverhältnis. Ich hab so genannte „Symbolentgelte“. Können Sie sich vorstellen, was damit gemeint ist?

     

    Das müssen Sie mir erklären!

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Volkswagen-Werk dem General Motors-Konzern für einen Dollar angeboten. Die haben aber abgelehnt, können sie nichts mit anfangen! Das ist ein Symbolentgelt. Dass man also Geld nimmt, damit nicht gesagt wird: Wir haben das umsonst geschenkt gekriegt.

    Bonn besteht ja zum größeren Teil aus Schülern und Studenten. Und die können ja nur ganz wenig zahlen. Ich hab so Entgelte, wenn ich so ein Einzelportrait mache, von sagen wir mal: Fünf Euro. Wenn ich mehr Leute mal, dann vielleicht für einen Euro pro Person, bei vielleicht 10 Leuten. Je mehr Leute, umso billiger für den Einzelnen.

    Bei Kindern mach ich’s auch manchmal umsonst. Wenn ich dann so situiertere Leute sehe, dann geh ich etwas hoch, aber nicht so viel. Man hat ja auch immer die Vergleichsmöglichkeit: Der macht das ja auch bei denen umsonst, bei mir ist es auf einmal mehr… Vielleicht so drei Euro bei drei Leuten pro Person.

    Bei mir ist es ja auch schneller! Was bei anderen Stunden dauert, das mache ich in Minuten.

    Woanders könnte ich vielleicht mehr verdienen, aber: Überraschender Weise hab ich ja so viele Fans, das Interesse ist so groß! Das spricht sich dann rum, dann lassen die sich immer wieder mal malen für ein paar Euro.

     

    Wie viel Geld am Abend können Sie mit der Zeichnerei machen?

    Ach, das ist auch immer so eine Sache: Manchmal mach ich so drei, vier, dann aber auch fünf, sechs Bilder am Abend, oder auch schon mal zehn am Wochenende.

    Ja, nicht nur da! Wissen Sie was „original“ heißt? Original heißt ursprünglich. Und ursprünglich ist jeder. Jeder ist ein Original in dieser Hinsicht. Man nimmt aber oft so allgemeine Begriffe und wendet sie auf spezielle Fälle an, die an und für sich für jeden gelten!  Jeder ist original und jeder ist auch schön auf seine Weise – wie ich schon sagte. Wir sind alle original.

    Das ist ja auch teilweise schon wieder ein Lob: Oh, der ist ja originell, der schafft etwas neues! „Original“ ist so etwas abgegriffen oder steht so im Gefühlsansehen.

     

    Alle-mal-malen Bea & Ich
    Loh-Portrait von meiner Freundin Bea und mir.

    Aber Sie sind bei Wikipedia in dieser Kategorie drin und Sie sind das einzige noch lebende „Bonner Original“ dort – fühlt man sich da geschmeichelt oder ist Ihnen das egal?

    Egal nun grade nicht. Es freut mich schon. Aber so stark tangiert mich das nicht. Ich kann ja auch nichts dafür! Das haben ja die anderen alle gemacht. Das halbe Internet ist voll von meinen Bildern! Ich hab kein einziges Bild selbst ins Internet gestellt.

    Dann gab’s hier so unter den Studenten, zur StudiVZ-Zeit, an allen Universitäten Fan-Gruppen. Jetzt gibt’s ja fast nur noch facebook. Und ich weiß nicht wie die einzelnen Unis die Kurve gekriegt haben – in Bonn aber sehr gut. Vor zwei Monaten, das ist meine letzte Auskunft, gab’s da über fünftausend Fans (Anmerkung des Autors: Jan Loh meint die „Der alle-mal-malen-Mann“-Fanseite bei facebook, die ein Loh-Fan erstellt hat).

    Dieses Echo überrascht mich eigentlich.

     

    Dafür, dass Sie kein Fernsehen und kein Radio haben, sind Sie gut über facebook informiert…

    Ja, ich frage immer. Ich komme ja selbst nicht ins Internet rein, weil ich nicht Mitglied dieser Organisation bin. Aber ich kriege schon Informationen.

     

    Wie würden Sie ihren Zeichenstil oder Malstil beschreiben?

    Ach, darüber hab ich mich auch noch nicht bemüht. Also ich zeichne möglichst was ich sehe. Und auch möglichst positiv, weil die meisten Leute mit Komplexen rumlaufen, sich nicht mögen. Dann soll man ihr Wertbewusstsein entwickeln. Es gibt an sich keine hässlichen Menschen! Es gibt nur außergewöhnliche…

    Die meisten haben auch nicht die Kraft zur eigenen Persönlichkeit. Die meinen, je mehr sie angepasst sind, um so schöner, umso sicherer und dergleichen sind sie. Die bilden auch keinen eigenen Geschmack heraus und passen sich einfach an. Die allermeisten haben nur Modegeschmäcker und lassen sich nicht mal für einen Cent malen!

     

    Sie bilden also das ab was Sie sehen, haben Sie gesagt…

    Ich versuche das, ich bemühe mich darum! So ganz schaff ich das natürlich nicht.

     

    Da gibt es diesen einen Kritikpunkt, der immer wieder auftaucht, dass Ihre Bilder alle gleich aussehen und sich die unterschiedlichen Personen nur durch äußere Merkmale wie Brillen oder Frisuren unterscheiden – was sagen Sie dazu?

    „Die sehen ja alle gleich aus!“ Insofern ist das richtig, sagen wir mal „ähnlich“: Die Leute schauen bei mir alle fröhlich, sie freuen sich alle. Die Stimmung ist schon mal sehr ähnlich, das ist richtig. Und dann mal ich die Leute für gewöhnlich, wenn sie nicht grade an der Tischfront sitzen, so von der Seite – wie sie miteinander kommunizieren. Und das gibt auch wieder eine Fröhlichkeit und weil die Leute auch meist in einem ähnlichen Alter sind, ist dann auch die Verschiedenheit nicht so groß.

    In der oberflächlichen Beurteilung sieht man so die Hauptsache, das Unwesentliche, die kleineren Teile, werden übersehen. Und wenn etwas ähnlich ist: Aha, das ist ja gleich! Wenn Sie zum Beispiel drei Mal einen aus Dortmund besoffen irgendwo sehen, sagen wir mal in Köln – was meinen Sie dann wie schnell es heißt: Die Dortmunder sind immer besoffen! Die Verallgemeinerung und die Reduktion des Gesamtbegriffes auf ein übliches Urteil.

    Zum Beispiel das Gleiche ist ja viel einfacher zu denken als das Verschiedene. Das Verschiedene ist komplex. „Das ist ja alles das Selbe! Alles der selbe Scheiß!“ Wie schnell die Leute mit solchen Urteilen sind. Mit völlig vereinfachten, emotionalen Urteilen, ruck-zuck! Und daraus entsteht dann – und das erleb ich ja auch immer wieder: Die sehen ja alle gleich aus! Vor allen Dingen bei Neulingen.

     

    Sie haben es vorhin selber gesagt: Ihre Bilder entstehen sehr schnell. Für ein Einzelportrait brauchen Sie meist nur fünf bis zehn Minuten…

    Man kann an einem Bild Minuten malen, man kann Jahre malen. Die Mona Lisa kennen Sie ja. Da hat der Leonardo Da Vinci genauso lange dran gemalt wie Michelangelo an seiner ganzen Sixtinischen Kapelle. Man kann das ganze Leben malen, ganz fertig wird man nie.

     

    Jan Loh
    Jan Loh deutet meine Handschrift
    © Beatrice Treydel

    Ich betrachte gar nichts als fertig! Ich mache das so, dass man das Wesentliche erkennen kann. Und dann auch zeitökonomisch. Je mehr Sie nun weiter arbeiten, desto relativ weniger schaffen Sie dann. Je mehr man in die Einzelheiten geht, je mehr Energie man auf die Einzelheiten verwendet, die auch teilweise wieder vom Wesentlichen ablenken können, desto weniger schafft man aufs Ganze gesehen.

     

    Jetzt haben sie ja viele kleine Kunstwerke geschaffen…

    Ja das sag ich auch nie, Kunstwerke! Höchstens mal so im saloppen Zusammenhang. Wenn ich kein anderes Wort zur Verfügung habe oder es in die Stimmung passt. Aber dann auch so ein bisschen zum Spaß.

     

    Sagen wir’s mal mit Ihren Worten: Sie haben vielen Freude gemacht mit ihren Werken…

    Sagen wir mal: Bilder!

     

    …wie möchten Sie einmal in Erinnerung bleiben?

    Ach ja… Das bestimme ich ja nicht. Das ist auch nicht so wichtig. Die Erinnerung, also die Kenntnisnahme, ist ja im ganzen nicht schlecht. Das wird wahrscheinlich auch so bleiben. Man verbessert sich ja auch ständig. Man lernt bewusst, mal unbewusst, was neues. Man kann immer Besseres immer schneller, immer kommunikativer darstellen. Und das ist auch eine besondere Freude, wenn man merkt, dass man immer besser wird. Ganz von selbst. Wieder ein gutes Ding, was von selbst kommt und nix kostet!

     

    Was lernen Sie denn noch dazu?

    Ach, man lernt schneller die Gesamtheit der Leute zu erfassen. Den Ausdruck, die Form. Inhalt, Stimmung und Form eines Gesichtes. Und man lernt wie unendlich reichhaltig ein Gesicht ist. Man lernt auch über das, was man unmittelbar sieht, hinauszusehen. Auch viel verschiedene Sehweisen: Zu sehen, wahrzunehmen und zu deuten. Man hat mal das menschliche Gesicht als die Interessanteste Fläche des Universums definiert – das ist gar nicht so unrichtig.

     

    Haben Sie eigentlich eine feste Route, die Sie Abends durch Bonn nehmen, wenn Sie zeichnen?

    Ja, blöder Weise ja. Was mich überrascht ist eigentlich, dass das hält: In etlichen Gaststätten gibt’s Leute, die lassen sich immer wieder malen. Während in anderen Gaststätten wieder weniger – woran das nun im einzelnen liegt, das ist schwer zu sagen.

    Wenn die Gaststätte zu voll ist, ist das auch nicht so günstig. Zu leer wieder auch nicht, aber je weniger da sind, umso größer die positive Einstellung. Wenn einer da sitzt, ist die Chance größer bei dem einzelnen anzukommen, als wenn mehrere da sitzen und dann bei jedem einzelnen anzukommen. Das richtige Verhältnis von Fülle und Leere, von Jungen und Alten – das hängt von so vielen Faktoren ab!

     

    Gibt es irgendwelche Läden, in die Sie nicht reingehen würden?

    Einige wollen es nicht. Einige sind dagegen.

     

    Sind Sie schon mal rausgeschmissen worden?

    Ne, rausgeschmissen worden nicht. Aber es wird schon mal gesagt: Das wird nicht gerne gesehen, die Leute wollen nicht gestört werden. In Köln käme man praktisch in jede Kneipe rein! In Bonn sind einige reservierter. Woran das nun liegt? Der Kölner ist insgesamt aufgeschlossener. Aber der Gesamtabsatz ist auch nicht höher in Köln als hier. Aber auf Grund der Gesamtverhältnisse in Bonn mit diesen Fans, arbeite ich lieber in Bonn.

    Es ist schon nett in Bonn zu arbeiten! Wer sich nicht von mir malen lässt, ist weder ein Bonner, noch ein Rheinländer, heißt es. Oder einige, die von Bonn wegziehen, sagen zu mir: Sie sind für mich Bonn! Die wollen von mir ein Autogramm haben und sagen: Nichts erinnert mich so sehr an Bonn, wie Sie!

  • Alle mal malen hier? Gespräch mit dem letzten Bonner Original

    Fast jeder, der in Bonn Abends schon einmal in einer Kneipe war, kennt den kauzigen alten Mann mit dem widerspenstigen weißen Haar. Plötzlich taucht er am Tisch auf und fragt: „Alle mal malen hier?“

    Jan Loh, 82 Jahre alt, ist ein Kneipenphantom und laut Wikipedia das einzige noch lebende Bonner Original. Für ein paar Euro fertigt er Bleistiftzeichnungen für Trinkgesellschaften an. Außerdem bietet er Deutungen von Gesicht und Handschrift. Bei Menschen, die ihn nicht kennen, stößt er mit seinem charmant hingenuschelten Angeboten oft auf Ablehnung.

    Bei seinen Fans genießt der „Alle-mal-malen-Mann“ hingegen Kultstatus. Seine Fanseite bei facebook hat aktuell fast so viele „likes“ wie die der ortsansässigen Lokalzeitung, ehemals Haupstadtzeitung, die jetzt in ihrer Printausgabe immerhin noch eine Auflage von fast 80.000 Exemplaren erreicht. In der Altstadt Bonns ist sein Gesicht als Graffito in die Streetart eingegangen, „alle-mal-malen-Mann“-Bilder werden von einer eigenen Fanseite gesammelt.

    Neulich saß ich mit ein paar guten Freunden in einer Bonner Kneipe (siehe oben). Als der „alle-mal-malen-Mann“ an unseren Tisch kam, wurde mir blitzartig klar: Dieser Mann muss uns zeichnen! Denn wir alle werden Jan Loh vermutlich erst dann zu würdigen wissen, wenn er einmal nicht mehr an unserem Tisch auftaucht.

    Also habe ich mir von einem weiteren Bonner Original und Kneipenphantom die Handynummer von Jan Loh organisiert und ihn zu einem Interview eingeladen.

    Normaler Weise unterhalte ich mich für Radiobeiträge vor einem laufenden Mikrofon nur kurz mit Interviewpartnern, da ein solcher Radiobeitrag meist nur eine Minute und dreißig Sekunden lang ist.

    Für Jan Loh, der weder Radio noch Fernsehen hat, habe ich mir aber bewusst viel Zeit genommen. Ich hatte keine Eile, wollte mehr erfahren und habe mich dazu entschlossen den „alle-mal-malen-Mann“ ausreden zu lassen.

    Hier ist Teil eins des Gesprächs mit einem Bonner Original und Kneipenphilosoph:

     

     

    Die erste Frage ist direkt etwas philosophisch: Herr Loh – sind Sie ein Künstler?

    Also ich definiere mich nicht. Die deutsche Sprache ist voller allgemeinen Begriffe, zum Beispiel „Kitsch“ und „Kunst“. Der Kitschbegriff ist einmalig in Deutschland, den haben sogar die Franzosen übernommen: „Le kitsch“. Die Amerikaner auch.

    Kaum einer kann definieren, was ein Künstler eigentlich ist und was man darunter versteht. Also ich nenne mich nie „Künstler“. Vielleicht hin und wieder mal, wenn es nicht anders zu verdeutlichen ist.

    Besser ist Bildermaler oder Zeichner!

     

    …Stadtmaler habe ich mal gelesen…

    Naja, es gibt so verschiedene Bezeichnungen. Es gibt so viel Spekulation darüber… Ob ich Künstler bin haben Sie gefragt?

    Das ist noch schwerer zu beantworten, als ob man sich Künstler nennen darf. Das geht schon über die Philosophie hinaus.

    Das kann ich nicht beantworten, da kann sich jeder einen eigenen Begriff von bilden, der mich ein bisschen kennt. Oder er kann es auch sein lassen! Es kommt nicht auf die Klassifizierung und ein Wort an, sondern dass man eben das erlebt, was man sieht oder denkt und dergleichen.

     

    Sie sind ja wegen ihres Spruchs als der „Alle-mal-malen-Mann“ bekannt – müsste es nicht eigentlich heißen „alle mal zeichnen“?

    Nein, haben sie schon mal von einer Pinselzeichnung gehört? Man kann mit einem Pinsel zeichnen und mit einem Stift malen. Es kommt nicht auf das Instrument an, sondern auf die Machart. Malen ist mehr wenn man dabei schattiert, wenn man über die Linie hinausgeht. Zeichnung ist meist nur linear – das ist die überwiegende Betrachtungsweise. Jetzt kann jeder sich seine eigene Meinung bilden. Was ich mache ist eine Kombination aus zeichnen und malen. Ich schattiere also mehr als ich Linien darstelle. Mit Bleistift kann man ja beides: Einerseits spitz, andererseits schräg halten, dann kann man Schatten nachziehen.

     

    Ich habe gelesen – und korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – dass sie keine künstlerische Ausbildung genossen haben – wie sind Sie denn zum Zeichnen oder Malen gekommen?

    Ein künstlerische Ausbildung oder Bildung bekommt man nicht nur an den üblichen Schulen. Kreativität lernen Sie nur für sich selbst und aus sich selbst heraus!

     

    © Pemu, Wikipedia - Bild vom alle-mal-malen-Mann
    © Pemu, Wikipedia

    Wann haben Sie angefangen mit dem zeichnen?

    So im Alter von neun Jahren.

     

    Aber durch die Kneipen ziehen Sie vermutlich noch nicht so lange…

    Nein, nein! Das tue ich etwa so seit gut zehn Jahren. Die Bilder hätte ich weitgehend auch schon mit zwölf Jahren malen können – allerdings nicht so schnell und dann auch mit Unterbrechungen immer wieder. Und man zeichnet ja…

    Die Bedienung bringt Jan Loh einen Kaffee, er schüttet sich gemächlich drei Tüten Zucker hinein.

    …man zeichnet und malt ja dauernd. Beethoven: Der hat ständig bewusst und unbewusst komponiert und längst nicht alles aufgeschrieben, was er komponiert hat. Man kann ja nur einen ganz kleinen Bruchteil von dem, was man in sich gefunden hat, darstellen. Und dazu brauchen Sie keine Schule an sich. Ein so genannter Künstler, der schafft immer aus sich selbst heraus.

     

    Dann sind Sie ein Künstler!

    Nein, jetzt lassen Sie den Ausdruck mal ganz weg. Ich sage nur: „der Künstler“. Ob ich das bin – die Frage kann ich nicht beantworten. Das interessiert mich auch nicht! Wir sind ja alle so Gesellschaftswesen: Die Leute haben ja kaum einen eigenen Kunstgeschmack und haben nur angepasste Modegeschmäcker. In der überwiegenden Zahl, jedenfalls die Erwachsenen. Hier muss man unbedingt dünn sein. Wenn man nicht dünn ist, ist man hässlich. In arabischen Ländern genau umgekehrt! Da muss man dick sein!

    Kennt ihr die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern? Die sagt alles, nicht? Der Kaiser sagt: Ich komme mit Kleidern. Jetzt sehen die Leute nicht, sondern glauben was der Kaiser sagt. Die haben überhaupt keinen eigenen Eindruck, sind also nur Vasalllenwesen, die nur aufnehmen, aber gar nicht selbst empfinden und beurteilen können (dabei schlägt er rhythmisch mit der Faust auf den Tisch). Politisch ist das hoch gefährlich! Alles latscht in den Massentod, in die Katastrophe. Die Kinder denken ursprünglicher und sagen: Der ist doch nackt!

    Man verlernt also das Ursprüngliche, sein eigenes Wesen, zu Gunsten der gesellschaftlichen Anpassung.

     

    Da sind wir ja auch schnell beim Schönheitsbegriff. Wenn Sie Leute malen sagen Sie ja gerne: „Du brauchst nicht posieren, sei ganz natürlich!“ und: „Du bist schön so!“…

    (lacht) Nein, das sag ich so nicht. Ich mache viel Jux dabei. Wenn die Leute ganz ablehnend sind sage ich: So hässlich seid ihr doch gar nicht! Aber die meisten lassen sich nicht mal für einen Cent malen, weil sie eben den Modegeschmack haben und auf Grund dessen meinen, sie entsprechen der Mode nicht und sind deshalb hässlich und laufen das ganze Leben mit Komplexen rum.

    Und davon will ich sie halt befreien. Ich sage: Es gibt nur schöne Menschen. Und schöne Geschmäcker. Jeder ist schön auf seine Weise. Herrgott oder Natur – je nach Auffassung – machen wunderschöne Menschen und einen Verneinung der eigenen Schönheit ist eine Beleidigung der eigenen selbst und des Schöpfers auch. Das wird theoretisch zugegeben, aber in der Praxis…

    Wir sind da ja auch widersprüchlich. Auch bei Umfragen: Da wird gesagt, was man für richtig hält und man tut dann oft genau das Gegenteil. Man tut dann das Modeangepasste, sagt dann aber was vernünftig scheint und merkt oft gar nicht die Differenz davon. Daran sind schon so viele Umfragen gescheitert!

     

    Jetzt haben wir viel philosophiert, lassen Sie uns praktisch über ihre Arbeit reden: Wie sieht ihr typischer Arbeitstag aus, wenn Sie zeichnen?

    Naja, ich fange so gegen halb acht an und dann mach ich so meinen Spaziergang durch die Lokale. Und was dann anfällt – das ist sehr verschieden. Das hängt vom Wetter ab, von den Launen… Das lässt sich gar nicht so genau begründen, das können auch die Geschäftsleute nicht, warum die Leute sich so oder so verhalten und dann wieder genau gegenteilig – unter ähnlichen Umständen sogar. Und das Verhalten schafft auch seine Widersprüche. Das kann man gar nicht im einzelnen so beurteilen, weil das viel zu komplex ist.

    Ich mach dann meinen Spaziergang und frage dann auch. Ich mach auch Jux dabei dann. Manchmal werde ich sehr ernst aufgefasst, dann mach ich sofort einen Rückzieher. Aber ich hab mich noch nie entschuldigen müssen. Auf jeden Fall ist das sehr interessant.

    Und wenn ich gemalt hab, dann biete ich auch diese Charakterdeutung an. Am Anfang muss man das erst erklären. Die kommen, wenn sie gemacht sind, auch besser an als die Bilder.

     

    Was lesen Sie aus meinem Gesicht?

    Ja, da kann man ja mal eine Gesichts-Charakter-Kurzdeutung machen.

    (Loh deutet auf seinen Kaffee)

    Ich mach mir mal eben noch Milch rein. Wie lang haben Sie Zeit?

     

    Ich habe genug Zeit…

    Dann muss ich ja erst ne kleine Vorrede zu halten.

    (Jan Loh nestelt an den winzigen Kaffesahne-Päckchen herum)

    Mehrere Tassen Kaffee wirken wie Doping – wer sagt das wohl?

    (Es entsteht eine Pause)

    Der Beckenbauer!

    (Er schüttet sich Milch ein)

    Da ist ja sogar ein Keks dabei!

    Also ich hab weder Radio noch Fernsehen. Hab ich auch nie gehabt. Ich hatte mal ein Radio vor 50 Jahren, hab ich aber nach zwei Wochen wieder rausgeschmissen.

    Wo kann man diese Sendung denn hören eventuell?

     

    Ohne Radio wird’s schwierig!

    (Er betrachtet seinen Kaffee)

    Ach, das ist ja ein Glas. Da ist ja noch nicht mal ein Henkel dran! Das ist ja heiß!

    (Er wickelt eine Serviette um die Glastasse)

    Naja, geht noch.

    Was ist das denn hier?

    (Er betrachtet den Löffel)

    In Deutschland muss man die Löffel oft noch nachputzen! In Entwicklungsländern, China – piek sauber, aber da kann schon mal was an der Erde liegen. Eine falsche Sauberkeitsordnung in mancher Hinsicht.

     

    Christian Mack mit dem alle-mal-malen-Mann © Beatrice Treydel
    © Beatrice Treydel

    Darf ich mal fragen, was Sie beruflich gemacht haben, bevor sie „Stadtmaler“ wurden?

    Ich hab hier, als die Regierung noch da war, Informationen über Entwicklungshilfe und Entwicklungsländer gegeben. Für alles was sich in Deutschland mit Entwicklungshilfe beschäftigte – aber so in Stundenarbeit. Über 30 Jahre, ohne auch nur einen Tag blau zu machen! War hochinteressant! So Informationsjobs sind die interessantesten, da können Sie auch viel bei lernen.

     

    Waren Sie da auch selber im Ausland?

    Nein, nur privat. Ich war hier. Die brauchten ständig Informationen. Alle Regierungs- und privaten Institutionen – aktuelle Informationen.

    Das wurde dann archiviert, in Informationsmappen zusammengefasst für Entwicklungsländer und so… Naja, das hab ich dann gemacht! Das war jeden Tag was neues, immer interessant.

     

    Wollen wir wieder zurückkommen auf die Gesichtsanalyse?

    Ich muss aber eine kleine Vorrede halten! Sie nennen das vielleicht Analyse, haben Sie gesagt? Wissen Sie was Analyse heißt? Früher wusste das fast jeder, da konnte man noch Fremdsprachen. Heute schmeißen alle mit dem Wort rum und keiner weiß: Analyse kommt aus dem Griechischem und heißt „zerlegen“! Wenn Sie Ihr Auto zerlegen und liegen lassen, dann sagt jeder wohl mit Recht: Der hat sie nicht mehr alle!

    Dazu braucht es den Ergänzungsbergriff zur Analyse. Können Sie sich darunter was vorstellen? Das ist das Zusammensetzen. Betrachten oder untersuchen heißt auseinander nehmen, die Details betrachten, beurteilen und dann nach Regeln – sagen wir mal der Therapie oder Reparatur – wieder zusammensetzen.

    Im deutschen Wort „Deutung“ ist das drin. Aber wir sind ja so fremdwortvernarrt! Der griechische Ausdruck für das Wiederzusammensetzen ist die „Synthese“. Das müsste also „Analy-Synthese“ heißen, „Auseinandernehmen-Wiederzusammensetzen“. Die Begriffe mit „Analyse“ greifen alle zu kurz, auch „Psychoanalyse“! Man bleibt bei den Einzelheiten stehen, basta! Man verallgemeinert dann einen Gesamtbegriff und das kann natürlich nicht stimmen.

     

    Ok, dann nehmen Sie mein Gesicht mal auseinander!

    Nein, nein, nein! Ich sage, was ich sehe – aber die Faust am Gesicht kann ich dabei gar nicht gebrauchen!

    (Ich entferne meine Hand, auf die ich meinen Kopf gestützt hatte, aus meinem Gesicht)

    Aber ich wollte ja eine kleine Vorrede halten, die für alle diese Deutungen gilt: Wir sind alle gegensätzlich.

    (Zu meiner Freundin gewandt, die als Fotografin dabei ist)

    Du sagst ob das richtig ist – Frauen haben ja so einen Richtigkeitsinstinkt.

    Nicht? Wir sind alle gegensätzlich: Wir ruhen mal, dann bewegen wir uns, dann haben wir Hunger, dann sind wir gesättigt. Die Chinesen sagen Jing/Jang – schon mal gehört, wahrscheinlich?

    Die Gegensätze erzeugen sich auch: Zum Beispiel die Bewegung macht Müde und erzeugt Ruhe. Ruhe bündelt wieder Kräfte und erzeugt Bewegung. Ja, damit können wir mal anfangen:

    (Loh betrachtet mein Gesicht)

    Ja, Sie sind temperamentvoll. Ich sage mal: Jedes Gesicht ist unendlich ausdrucksreich, ändert sich ständig. Wir können jetzt das ganze Leben deuten, fertig werden wir dennoch nicht.

    Und jeder Mensch hat auch alle menschlichen Eigenschaften.

    Ich sag jetzt nur etwas besonders auffallendes, so 20 Eigenschaften zum Beispiel.

     

    Das ist ja schon ganz schön viel!

    Temperamentvoll, heiter, kommunikativ, nachdenklich.

    Sie haben die Lippen aufeinander – dann denken Sie automatisch mit dem Vorderhirn. Die planmäßige Intelligenz sitzt vorwiegend hier. Wenn Sie ein Problem durchdenken, arbeiten Sie hier mit. Vieles kriegen Sie aber nicht raus – am nächsten Tag fällt Ihnen aber was ein! Einfälle hat man meist – da gibt’s auch Untersuchungen zu – nach der zweiten Wiedergeburt, nach dem Wachwerden am Morgen.

    Die hat man meist nach dem Wachwerden. Morgens, bei Spaziergängen. Viele große Geister wie Beethoven oder auch Zuckmayer sagte: Die besten Ideen hab ich bei Spaziergängen. Auf dem stillen Örtchen und so weiter!

    (Er zeigt auf meine Stirn)

    Also wenn Sie ein Problem durchdenken arbeiten sie meistens hiermit.

    Sie kriegen dann längst nicht alles raus und am nächsten Tag, oft wenn man gar nicht  dran denkt, oder sonst irgendwann im Urlaub, hat man plötzlich Einfälle. Die Einfalls- oder intuitive Intelligenz.

    Können Sie sich darunter was vorstellen? Intuition heißt „die Eingebung, die von selber kommt“. So ähnlich wie der Einfall.

    Sie können sich sicher erinnern, plötzlich mal einen Einfall gehabt zu haben, ohne drüber nachzudenken – oder grade weil Sie nicht drüber nachgedacht haben. Aus dem Gegensatz heraus. Wenn die Gehirnpartien lange geruht haben, dann werden Sie oft umso aktiver! Wenn Sie lange nachgedacht haben, dann ist das Gehirn manchmal etwas erschöpft. Dann haben Sie nicht so viele Einfälle.

    Das richtige Verhältnis von Aktivität und Freiheit herauszufinden, das liegt bei dem Einzelnen. Jeder ist da verschieden.

    Die Psychologen nennen es auch das Aha-Erlebnis. Man will eine Lösung finden, strengt sich an – aber auf einmal ist es da, zack!

    Die besten Dinge im Leben kommen oft von selbst und sind gratis.

     

    Ist eine schöne Philosophie, finde ich!

    Jaja, so ist es auch! Stimmt ja auch obendrein noch.

    Sie sitzen auch ruhig und: Fingerbewegungen! Zwischen Hirn und Hand und Hirn und Füßen bestehen enge Verbindungen. Das waren vermutlich auch die Bewegungs- und Tastorgane im Urwald. Wenn etwas passierte, da an Fingern und Füßen, musste das schnell im Gehirn gemeldet werden. Das Gehirn entschied und diese Organe mussten schnell reagieren darauf. Man spricht ja auch vom Fingerspitzengefühl, oder „Fingerschmerzen gehen zu Herzen“. Oder in der Akupunktur: Da spielen die Hände, die Finger eine große Rolle. Sie können über die Fingerspitzen praktisch alle Schmerzen abreagieren. Ist allerdings ein bisschen komplex, aber umso interessanter!

     

    Ich fand das schon sehr aufschlussreich…

    Ja, aber wir sind ja noch längst nicht fertig. Das war ja jetzt das Minimum vom Minimum vom Minimum… Aber gehen Sie mal weiter mit Ihren Fragen.

     

    Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews!